Startseite > Berlin, Old Stuff > Berlin Alexanderplatz (5): Zwischenzeit

Berlin Alexanderplatz (5): Zwischenzeit

Oben Sonne, unten Finsternis. Berlin Alexanderplatz

Oben Sonne, unten Finsternis. Berlin Alexanderplatz

Als wir noch mit der D-Mark zahlten und der Bahnhof Alexanderplatz gerade umgebaut wurde, fanden wir zwischen Bauzäunen und Gerüsten ein Licht in der Nacht, das war die Bierbar Alkopole. Die schönen Eckplätze waren reserviert. An der Bar gab es auch amerikanisches und australisches Bier, davon unberührt tranken wir Radeberger. Die reservierten Plätze gehörten drei dicken, nichtsdestoweniger jungen Männern, denen die Jeans etwa in den Kniekehlen saßen. Im Nu war die Bierbar überfüllt, weil die jungen Dicken unendlich viele prall gefüllte Plastiktüten abstellten und übereinander stapelten. Drei Frauen waren da, die wir – von ihrem Aussehen angeregt – Alice Schwarzer, Angela Merkel und Claudia Nolte nannten. (Claudia Nolte war eine junge Bundesministerin aus Thüringen, die oft mit ihren Rüschenblusen zu beeindrucken wusste.) Merkel wiederum beeindruckte durch ihren runden Rücken und ihre Lebenslust. Fing auch gleich an zu tanzen zur Musicbox, mal mit Schwarzer, mal mit Nolte, mal auch mit einem Mann mit kurzen Haaren, hageren Wangen und trainierter Gestalt. Dieser Enrico steckte öfter ein Fünf-Mark-Stück in die Musicbox, und Merkel tanzte, sie tanzte auch allein, wenn kein Tänzer zur Verfügung stand oder wenn sie einen zurechtgewiesen hatte: Nimmst du wohl mal bitte die Griffel von meiner Brust.

Enrico tanzte mit der Musicbox. Er machte mit erhobenen Armen Schlangenbewegungen, streichelte liebevoll die Rundungen des Apparats, hielt sich daran fest. Wir behaupteten, dass er ein sehr guter Tänzer und die Musicbox seine Geliebte sei. Das konnte er nur bestätigen. Er verdankte dies seiner Schwester, die ihm in seinen pubertären Jahren riet, seinen Körper, seine Ausstrahlung und seine Bewegungsmöglichkeiten kennenzulernen, wenn er ein guter Tänzer sein wolle. Da schnappte Enrico sich einen Besenstiel, umarmte ihn wie eben die Musicbox, tanzte los wie die Feuerwehr und achtete im Spiegel immer darauf, wie das aussah.

So konnte Enrico in seinem weiteren Leben das Herz vieler Frauen für sich einnehmen. Er war der Entertainer dieses Abends, konnte keine Sekunde still sitzen, unruhig, zappelig wie diese hypervitalen Kinder, die ganze Schulklassen durcheinanderbringen. Tanzt, Kinder, tanzt, sagte er beschwörend, tanzt, so lange ihr noch tanzen könnt.

Die Damen wollten weg. Besonders die Schwarzer machte Dampf. Wir müssen nämlich morgen wieder arbeiten. Wo arbeitet ihr denn? Hier, in dem neuen Dinea-Restaurant. Wie ist es denn da so? Die Schwarzer winkte ab: Is ’ne bessere Sparkassen-Kantine. Darum müssen wir jetzt los. Und außerdem muss ich sie – die Schwarzer zeigte auf die Nolte – erst mal nach Hause kriegen. Die will doch auf dem Weg in jede Kneipe einkehren.

Tatsächlich. Die Nolte hatte offensichtlich Blut geleckt und schlich wie ein Vampir durch die Bierbar.

Unvermutet wurde auch Enrico trübsinnig. Seit die goldenen Ostzeiten vorbei sind, sagte er, ist das Leben nicht mehr so schön. Man muss immer nur ackern, hat keine Power mehr. Früher sind wir dreimal die Woche ausgegangen, alles vorbei. Meine Frau hat sich ooch noch getrennt. Hab sie im Suff vergewaltigt beinah. Und denn fährt mir noch so’n Provinzler ins Auto rein, und ick soll Schuld sein. Ist schon immer mal Scheiße, wenn du im Heim warst, weil deine Eltern im Knast saßen. Das wirst du dein Leben nich los.

Er drückte mir fünf Mark in die Hand und schickte mich zur Box. Ich suchte ein paar schöne Schnulzen aus. Angel von der Kelly-Family, Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, und plötzlich sang das ganze Lokal „Am Tag, als Conny Kramer starb”, alle Strophen und den Refrain.

Wir standen wieder auf der Straße und waren uns einig. Berlin Alexanderplatz. Döblin lebt.

  1. September 13, 2013 um 8:33 am

    da stand ich neulich auch und hab n Bild gemacht! 🙂

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: