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Favoriten siegen – nicht immer

Das Fernsehen zeigte einige Duelle am Sonntagabend. Ich schaltete des Öfteren um zu Stanislas Wawrinka gegen Marcos Baghdatis und Angelique Kerber gegen Carla Suarez Navarro (US Open), um als bewusster Bundesbürger zurückzukehren zu Angela Merkel gegen Peer Steinbrück. Was ein Duell wirklich ist und sein kann, vermochten die Tennismatches allerdings besser vorzuführen, denen auch keine Moderatoren – vier an der Zahl – zwischengeschaltet waren. Wawrinka und Kerber waren die Favoriten, sie stehen in der Weltrangliste weiter vorn als ihre Gegner, so wie die Amtsinhaberin weiter vorn steht in den Umfragen als der Herausforderer. Und die Favoriten siegen – nicht immer. Woran lag es, dass Kerber verlor? Schwer zu sagen. Die Herausforderin wollte den Sieg einfach mehr, und im Tiebreak des Entscheidungssatzes hatte sie ihre ohnehin gute Rückhand so perfekt eingespielt, dass sie damit fast immer punkten konnte. Baghdatis, der Zyprer, war auf dem Papier noch chancenloser als Steinbrück, aber als hochherziger Kämpfer und schneller Läufer sehr schwer auszuspielen, so dass Wawrinka an sich selbst zu zweifeln begann und einige unbegreiflich leichte Vorhandfehler fabrizierte. Was war das denn für Schlag, fragte der Reporter zu Recht. Angela Merkel wirkte müde, aber wir wissen, dass müde Frauen oft viele Sympathien auf sich ziehen. Wir haben uns an ihre Frisur und ihre Jacketts gewöhnt, mehr jedenfalls als an die Frisur von Peer Steinbrück, wir haben den Sound der Unterstufenlehrerin im Ohr (Wenn wir uns ein wenig Mühe geben und keine Dummheiten machen, werden wir alle das Klassenziel erreichen), und das ist schon wichtig vor einer Wahl. Peer Steinbrück ist das Urbild des deutschen Schreibtischtäters, des hochnäsigen Musterschülers (Ich weiß ja doch alles besser!), der Hero der Sitzungs- und Büroräume – wie kann sich so jemand sympathisch darstellen? Als Herausforderer musste er angreifen auf Teufel komm raus. Und – hat er’s getan? Griff er an? War es nicht mehr ein Sticheln und Stänkern? Am Ende konnten wir uns davon überzeugen, dass ein Kanzler oder eine Kanzlerin weniger Einfluss auf unser wahres Leben haben, als die Medien uns glauben machen wollen. Und auch das ist gut so.

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