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Der Fan als Teil der Choreo

War das ein geiles Spiel?!

War das ein geiles Spiel?!

Ich war Vollzahler, ich war Teil der Choreographie, ich wurde wegen offensichtlicher Ungefährlichkeit keiner Leibesvisitation unterzogen und mit Sie angesprochen. 1. FC Union Berlin gegen FC St. Pauli. Am Bahnhof Karlshorst interessierten mich vier Fans in fein abgestuften Stadien von Alter und Trunkenheit. Der älteste war noch der klarste. Einer hatte seine beste Mütze verloren und trug nun eine in den falschen Farben. Der dritte fragte bang: Wo ist Frank? Er steht einen Meter neben dir, sagte der Alte. Aber es stimmt schon, Frank wirkte sehr abwesend. Lange stritten sie, ob Jürgen mit Dieter mitgegangen sei oder umgekehrt Dieter mit Jürgen, denn der Initiator dürfe bestimmen, an welcher Stelle das Bahnsteigs man warte, hier könne es sehr voll werden, sagte Jürgen mit der verlorenen Mütze, und Dieter, dem Leben und Alkohol die tiefsten Falten, aber auch den unverwüstlichsten Humor geschlagen hatten, antwortete: Wir kommen uff jeden Fall rin in die Bahn, sag ick dir. Ick hab noch nich ma ne Eintrittskarte, sagte Jürgen. Det klappt schon, sagte Dieter, det klappt immer, Frank hat sogar’n Mitgliedsausweis, det klappt. Und dann begann er zu singen: Wir sind Unioner, wir sind die Kranken … Sie kamen alle vier blendend mit ihrer Loserrolle zurecht. Dieter konnte Antennen bauen,  Jürgen war an guten Tagen in der Lage, Dächer zu reparieren, Frank philosophierte ins Blaune hinein, und der Alte war jenseits von Gut und Böse.

St. Pauli in Berlin-Köpenick

St. Pauli in Berlin-Köpenick

Wir trafen unseren Boss auf dem Bahnhof Köpenick, den Mann, der die Tickets und die Hintergrundinfos beschafft. Er hatte seinen Sohn und dessen Kumpel dabei, versuchte mit Engelszungen, ihnen jugendrelevante Details aus der rumreichen Union-Geschichte nahezulegen, aber die Jungs interessierten sich für Cola und Bratwurst. Auf der anderen Seite des Bahnsteigs rückten in geschlossener Formation die St-Pauli-Fans an, wenn ich es richtig verstand, skandierten sie in atemraubender Schnelligkeit „tiamo tutti antifascisti”, und da wussten wir schon, dass wir es heute mit einem inspirierten Gegner zu tun hatten.

In der Mitte des Bahnsteigs hatte ein Leergutkapitalist ein Depot aufgebaut. Das Geschäft lief nicht schlecht, sich regen bringt Segen.

Die Werte sind, die Flaschen wohl geordnet …

Die Werte sind, die Flaschen wohl geordnet …

Ich habe schon erwähnt. Ich sah an diesem Tag so ungefährlich und bieder aus, dass der Ordner mich ohne Leibesvisitation durchwinkte. Das war eine bittere Pille, was ist nur mit mir los. Unsere Plätze im ausverkauften Stadion waren im Sektor 3, Block O. Gutes Umfeld, keine abenteuerlichen Gestalten wie Dieter, Jürgen (was ist jetzt mit ihm ohne Ticket?), Frank und den Alten. Junge Männer verteilten weiße Papierstreifen, die werden, sagte unser allwissender Boss, dann Teil einer Choreographie sein. Die Union-Legende kam vom Band, die Hymne, und wir erhoben unsere Papierbänder und johlten Eisern Union, Eisern Union. Auf der anderen Seite bildeten sie mit weißen und roten Papierbändern die Formel „1. FC U”. Ob wir auch eine Botschaft zusammenbrachten, blieb uns verschlossen. Die Hymne verströmte Pathos und Mysterium, unbegrenzte Hin- und Selbstaufgabe sowie Verklärung des Ostens, aber auch versöhnliche Elemente. Nina Hagens Vokalisen haben etwas besessen Hexenhaftes, der Verein kann sich nur gratulieren zu diesem Meisterwerk.

Die Choreo war vorüber, das Match ging los. Nach fünfzehn Sekunden luchst mein alter Hansa-Freund Fin Bartels dem hüftsteifen Unioner Christian Stuff blitzschnell den Ball ab, stürmt von halblinks aufs Tor zu, Keeper Haas stellt sich ihm in den Weg, Bartels flankt nach innen, Verhoek trifft ins leere Tor. Und fünf Minuten später überläuft Bartels den armen Stuff abermals und macht es selbst. 0:2. Oh nein. Union befindet sich schon in einer aussichtslosen Lage, wirkt deutlich abgehängt. Die Mannschaft tritt schläfrig, phlegmatisch und übergewichtig auf. Die beiden Jungs an unserer Seite lächeln dezent und sind befremdet von den heftigen Reaktionen der gewöhnlichen Fans. Neben uns stehen drei Mädchen, die nicht zu den berühmten hysterischen weiblichen Fans gehören, sie bleiben stumm, aber das Entsetzen bildet sich in ihren Gesichtern ab. In der Pause setzen sie sich auf die Stufen und ziehen ihre Lullen durch. Da hat Union allerdings schon den Anschlusstreffer gemacht. Torsten Mattuuuuuschka war’s, ein Foulelfmeter, den man durchaus geben kann, wie überhaupt an den Entscheidungen von Schiedsrichter Felix Brych nicht viel auszusetzen ist, was die Union-Fans und unser Boss natürlich anders sehen, so lange Union der Niederlage ins Auge blickt. Alle fünf Minuten schreien sie „Hand”, das ist der Punkt, wo das Regelwerk dem Schiedsrichter einige Möglichkeiten des Machtmissbrauchs offenlässt, die angeschossene Hand oder die Hand, die zum Ball geht, wo sie nichts zu suchen hat, Strafstoß, Tor, Platzverweis, denn wenn wir nicht durch Kampfkraft und Spielwitz gewinnen können, dann bitte durch Glück und eben diesen Machtmissbrauch des Schiedsrichters. Es gibt einige Mannschaften, bei denen das Anschießen der Hand des Gegners intensiver trainiert wird als der Torschuss. Ich überlupfe meinen Gegenspieler, so dass ihm der Ball auf die im Rücken verschränkten Hände fällt. Ein Kunststoß. Oder ich flanke am Gegner vorbei zu einem Mitspieler, der nun dessen Hände von hinten anschießt. Sind Behauptungen, aber sicher verifizierbar. Felix Brych gibt keinen Elfmeter für Union. Es kommt viel besser. Mit dem taktischen Konzept: Vom Halbschlaf über den Kampf zum Rausch, erspielt sich das Team Chance um Chance. Die Unioner werfen ihre nun nicht mehr übergewichtigen, sondern mächtigen Körper in die Schlacht. Die flinken St. Pauli-Leichtgewichte sind beeindruckt. Nemec macht das 2:2, natürlich per Kopfstoß, und der eingewechselte Terodde vollbringt das Unglaubliche. 3:2 in der 86. Minute. St. Pauli fährt mit leeren Händen nach Hause. Die beiden Jungs an unserer Seite sind völlig ungerührt.

Am Rande ist eine Charakterprobe von Union-Trainer Uwe Neuhaus zu vermerken. Er hat den total verunsicherten und ausgepfiffenen Stuff nicht ausgewechselt, sondern ihm Bewährungschancen gegeben. Klar, dass der lange Mann sich da hineinkniete mit allem, was er hatte.

Vor der Abseitsfalle. Sacken lassen, auswerten, Bier trinken, runterkommen.

Vor der Abseitsfalle. Sacken lassen, auswerten, Bier trinken, runterkommen.

Der Fußballnomade hatte, anders als wir, einen Sitztribünenplatz. Er fühlt sich auf allen Fußballplätzen Europas zu Hause und wird entsprechend behandelt. Nun hat er einen Tisch in der Klubgaststätte „Abseitsfalle” geordert. Das Bier steht schon bereit im Plastikbecher. War das ein geiles Spiel. So klingt es überall. Ein paar Tische weiter sitzen Jürgen, Dieter, Frank und der Alte. Jürgen hat keine Karte mehr bekommen. Aus Solidarität haben die Kumpane sich mit dem Unglücksraben in die Abseitsfalle gesetzt und das Spiel am Bildschirm verfolgt, wobei sie komfortabel weitertrinken konnten. Alle sind glücklich. Union hat aus Losern Sieger gemacht.

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