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The Boxer

Warum musste ich mir des Nachts noch diese bescheuerten Boxkämpfe des Sauerland-Stalls in der ARD ansehen! Arthur Abraham und Jürgen Brähmer. Von den Gegnern hatte man noch nie was gehört. Ein Nigerianer und ein Italiener. Aber sie waren mutig und hatten Kämpferherzen. Geld wollen sie auch verdienen mit ihren körperlichen Fähigkeiten. Versuchen wir also, uns ihre Namen zu merken, auch wenn es wahrscheinlich nicht funktionieren wird. Willbeforce Shihepo (NAM) und Stefano Abatangelo (I). Beide mit großem Eifer und erheblichen Nehmerqualitäten. Auf der anderen Seite sind Abraham und Brähmer im Herbst ihrer Karriere angekommen. Der große Punch, der ihnen nachgesagt wird, ist Vergangenheit. Arthur holt schon mal gewaltig aus, schlägt aber oft Luftlöcher. Brähmer wirkt wie der working class hero, der Mann aus dem Steinbruch. Sie müssen jetzt meistens über die volle Distanz gehen. Die Schläge werden immer unklarer. Cuts an den Augen. Während sich Abraham hinter seine Doppeldeckung zurückzieht und sich dem Wirbel der Schläge aussetzt, bis die Kräfte des Gegners vorerst schwinden und er zurückhauen kann, lässt sich Brähmer mit fortschreitender Kampfzeit in fruchtlose Nahkämpfe und wirres Gewürge verstricken, ab und zu geht er zu Boden, weil er die Balance verliert. Das sind Kämpfe, die irgendwo zwischen Sport und Maloche stehen. Eingeleitet werden sie mit pompösen Inszenierungen. Bei einem Spartensender wären sie besser aufgehoben als bei der ARD. Aber das ist ja Quatsch. Die ARD gibt sich oft genug wie ein Spartensender.

Den Namen Jürgen Brähmer hörte ich das erste Mal, als ich 1996 eine Reportage über die Stadt Schwerin schrieb und mir auch den damals noch berühmten Boxclub ansah. Da war sofort und in Abwesenheit von Jürgen Brähmer die Rede, dem Jahrhunderttalent, nicht ohne dass ein Zweifel anklang, denn Brähmer war der Schläger, wie sie so durch die mecklenburgischen Städte liefen, ein Schläger, der zum Boxer wurde, aber den Schläger in sich nicht ganz besiegen konnte. Der Sponsor des Clubs sagte damals: Wenn wir die Jungs von der Straße holen und verhindern, dass sie kriminell werden, dann haben wir doch schon viel erreicht. Jürgen Brähmer wurde berühmt, aber nicht schnell, sondern mit Unterbrechungen und Abstürzen. Er wurde Profi beim Hamburger Boxstall Universum. Der Junge ist eine tickende Zeitbombe, sagte ein Trainer. Einige Male kam es vor, dass Brähmer seine Fäuste auch außerhalb des Boxrings gebrauchte. Oder dass er Auto fuhr, ohne im Besitz eines Führerscheins zu sein. So kam es zu Gefängnisaufenthalten, die normalerweise das Ende der Karriere bedeuten. Aber Brähmer wusste, dass Boxen seine einzige Chance war. Er hielt sich fit und kam immer wieder zurück. Inzwischen scheint er soweit zu sein, dass er eine Familie und eine Mitte gefunden hat. Die Spuren eines wilden Lebens sind nicht zu übersehen. Und die Karriere eines Boxers verläuft in Grenzen. Kann Jürgen Brähmer noch mal Weltmeister werden? Ich wünsche es ihm. In seinen Augen stehen Fragen, die sich nicht beantworten, und Erwartungen, die sich nicht erfüllen lassen. Auf seiner Homepage sagt  er gern, dass er sich riesig freut: auf den nächsten Kampf, über die Anteilnahme der Fans. Er hatte Trainer, die ihn mannhaft begleitet haben durch ein Leben, das gefährdet und gefährlich war. Andererseits muss jeder für sich selbst verantwortlich sein. Vielleicht weiß er das jetzt.

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