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Tief im Süden

Von links Hugo Laartz, Uschi Brüning, Ernst-Ludwig Petrowski, Connie Bauer, Klaus Lenz. Verdeckt Wolfgang Nicklisch

Von links Hugo Laartz, Uschi Brüning, Ernst-Ludwig Petrowski, Connie Bauer, Klaus Lenz. Verdeckt Wolfgang Nicklisch

Manchmal passt alles auf unerwartete Weise zusammen. Die Freunde aus Halle, die mit Klaus Lenz, dem Bigbandleader, befreundet sind und uns nach Köpenick lotsten, zum Konzert der Modern Soul Band. Ach, Jazz. Wie lange waren wir nicht bei einem Jazzkonzert. Und denkt man nicht immer an die Wiederholbarkeit der Wiederholbarkeit der Wiederholbarkeit der Dixielandfröhlichkeit, dass man am Ende ganz traurig wird? Ja, denkt man. Aber dann hat man die Rechnung ohne Modern Soul gemacht, MSB, die Band, die 45 Jahre existiert. Wir fotografierten uns mit dem Hauptmann von Köpenick und begaben uns in den Rathaushof, wo das Konzert bei guter Bewirtung mit Wernesgrüner Bier und handfesten Brotzeiten stattfand. Die Hallenser Freunde, die von der anhaltinischen Grundschlaffheit ein Lied singen können, verneigten sich vor der perfekten Organisation des Konzerts, aber gut: Wie sollte das Köpenicker Blues & Jazzfestival auch schon zum achtzehnten Mal stattfinden können, wenn es nicht gut gemacht wäre. Hugo Laartz hat die Band 1968 mitgegründet, er leitet sie immer noch, sitzt an den Tasteninstrumenten und spricht mit seiner kruden Berliner Schnauze unverbindliche verbindende Worte. Wir hatten uns unbewusst auf Alt-Herren-Jazz eingestellt, aber da war nix. Die Band ist frisch und dynamisch, die Bläsergruppe mit der gelenkig-eleganten Saxophonistin Mercedes Wendler schier unwiderstehlich, sie spielte alte MSB-Hits wie „He, alter Junge”, „Himmel und Hölle”, „Novemberblues”, aber auch große Rock- und Popnummern, und dann kamen ja noch die Helden früherer, gleichwohl jetziger Tage, die alle mit MSB zu tun hatten: Henry Kotowski, Michael Barakowski, Peter Pabst, Conny Bauer, Klaus Lenz, Ernst-Ludwig Petrowski, Regine Dobberschütz und Uschi Brüning. Das alles an einem schönen Samstagabend in Köpenick, ein paar Schritte neben der Spree. Gutmütiger Spott in die Jahre gekommener fahrender Leute. Hugo Laartz witzelte über den Stuhl, den Petrowski beanspruchte und sagte nach dessen Part: Ernste, kannst dir erholen jetzt. Klaus Lenz hat ein Jägerhütchen zu seinem Markenzeichen gemacht, das er nur allzu gerne lüftet, um zu zeigen, war er noch für einen Mähne auf dem Schädel hat. In jeder Stadt der DDR konnte man seinerzeit Lenz mit seinen immer neu zusammengestellten Bigbands erleben. Ich habe ihn als Student in Leipzig mit Günther Fischer und Uli Gumpert gesehen und als Soldat in Brandenburg mit Manfred Krug und einer fast noch unbekannten Uschi Brüning. Ich erinnere mich, wie Uschi Brüning früher wie eine Sphinx oder eine Salzsäule auf der Bühne stand. Noch nie habe ich sie so gelöst, so heiter, so beweglich gesehen wie jetzt in Köpenick, fast möchte ich sagen: noch nie so jung wie jetzt im Alter. Das Konzert war vorbei. Köpenick mit seinen kleinen Bars und Kneipen war in dieser Sommernacht ein imaginärer Ort irgendwo auf der Welt, auf jeden Fall tief im Süden. Kaum vorstellbar, dass wir in Berlin waren.

  1. Juli 23, 2013 um 8:22 am

    Wie sind Sie denn dann zum Jazz gekommen?In Zwickau gab es eine Milchbar. Unser Internat in Zwickau lag an der Paradiesbrücke an der Mulde. Man musste über die Brücke, durch die Stadt und über den Marktplatz, wo das Rathaus und das Theater ist, gehen, und dort war diese Milchbar. Da gab es eine Musikbox. Das war damals etwas ganz seltenes. Und in dieser Musikbox waren Titel, z.B. von Manfred Krug, der damals gerade anfing, Filme und mit den Jazz-Optimisten Musik zu machen. Ich weiß aber nicht mehr, welche Titel das waren. Jedenfalls hörte ich das da zum ersten mal und dachte: „Mensch, das ist ja mal was ganz anderes. Das ist sehr interessant.“ Ein paar Kommilitonen hatten polnische Jazz-Platten und wir hörten uns die an. Irgendwie interessierte mich das und ich habe angefangen, auch ein bisschen am Klavier in diese Richtung herumzuspielen. Irgendwann hörte ich auf einer Platte ein Saxophon und sagte mir: „Du musst unbedingt jetzt Saxophon lernen.“ (lacht) An der Hochschule in Berlin habe ich als Nebenfach dann Klarinette belegt. Für die Grundlagen des Saxophonspielens ist die Klarinette sehr gut.

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