Startseite > Old Stuff > Ein Justitiar erzählt …

Ein Justitiar erzählt …

Ein Bild ohne Symbolkraft, vermutlich

Ein Bild ohne Symbolkraft, vermutlich

… wie er in der DDR zum heimlichen Staatsfeind reifte

Sportfreund Jochen feiert einen runden Geburtstag. Wir sitzen im Spartenheim „Floratreff” und erinnern uns, wie es so kommt, an gewisse positive Details des Lebens in der DDR. Ein menschlicher Zug. Nur der Justitiar nimmt seine demokratische Verantwortung wahr und möchte das Gequatsche über die DDR konterkarieren. Er  wollte damals so gern nach Sibirien reisen, mithin in Freundesland, er hatte Bücher gelesen, Filme gesehen, die Weiten der Taiga und der Tundra, die Bodenschätze, der Ob und der Irtysch, der Jenissei, diese gewaltigen Ströme – aber welche Probleme wurden da aufgetürmt vor ihm. Als ich sage, dass ich einmal in Sibirien war, antwortet er triumphierend: ich auch. Hat es also doch geschafft. Ja. Er interessierte sich aber auch für Theologie, für kirchliche Rituale und stellte den Antrag, nach Rom zu fahren, zum Heiligen Stuhl. War nicht möglich, keine Chance. Und dann kommt er auf seine Schildkröte. Er besitzt eine besondere, sehr seltene Schildkröte. Als nun die Zeit herankam, dass sie geschlechtsreif wurde und nicht nur sie, die Schildkröte, sondern auch der Justitiar an Nachkommen dachte, stellte sich heraus, dass es kein geeignetes männliches Pendant gab. Er forschte und forschte und erfuhr, dass es im westdeutschen Coburg einen Menschen gab, der eine passende männliche Schildkröte besaß, welch ein Glück. Und was geschah? Die DDR gestattete den Zeugungsakt nicht. Der Justitiar durfte nicht rüberfahren, der Wessi durfte seinen Schildkrötenmann nicht in die DDR entsenden. Dann, als es mit der Einheit möglich wurde, war die Schildkröte des Justitiars bereits in den Wechseljahren und legte nur noch kümmerliche Eier, aus denen kein neues Leben mehr entstehen konnte.

Ja, so kam es, dass der Justitiar zum heimlichen Staatsfeind der DDR wurde. Hauptsächlich wegen seiner Schildkröte. Aber auch wegen Sibirien und wegen des Heiligen Stuhls. Nur wenige wissen davon Der Justitiar hängt es nicht an die große Glocke. Er hält sich nicht zu Unrecht für selbstlos. Er meint, dass andere auf die Idee kommen sollten, ihn zu ehren.

Kategorien:Old Stuff Schlagwörter: , ,
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: