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Archaisches Land

Die Welt im Abend- und Gegenlicht

Die Welt im Abend- und Gegenlicht

Unsere Hallenser  Freunde haben uns auf den Dokfilm „MansFeld” aufmerksam gemacht. Wir fahren mit den Fahrrädern über die Hauptstraße, Boxhagener, Warschauer zu den Tilsiter Lichtspielen in der Richard-Sorge-Straße, die früher Tilsiter Straße hieß (daher der Name Bratkartoffeln). Und dann wieder zurück. Das Kino gibt es seit 1908. Es ist eine kleine Kiste mit Kneipe oder umgekehrt, eher ’ne Kneipe mit Kinoraum. Sritjelnij Sal steht kyrillisch an der Tür und vorne in der Kneipe gibt’s noch ein kyrillisches Schild, das mitteilt, dass das Mitbringen und Verzehren von Fischen streng verboten ist. Die Schilder sind Fundstücke vielleicht aus irgendeinem Russencasino. Der Betreiber übersetzt uns das und erzählt, dass er einst in unserem längst untergegangenen und demontierten Karlshorster Kino „Vorwärts” den Film „Geh und sieh” von Elim Klimow gesehen hat, schwere Kost, wie er sagt. Außer uns sitzt noch ein Mensch im Sritjelnij Sal, also Zuschauerraum, der Betreiber kann für diese Vorstellung eine Einnahme von 15 Euro verbuchen.

Der Film beginnt mit Peitschenknallen, das gehört zu einem uralten Brauch in diesem mansfeldischen Dorf. Es ist ein Kind, ein Junge, der diese Peitsche, die aus einem kurzen Stock und einer langen Schnur besteht, virtuos handhabt. Es geht um das Züngeln der Schnur, um abrupte Wendungen und um den Knall, der dabei entsteht. Über dem Dorf eine schwarze Kupferschieferhalde, mit der nichts mehr geschieht, außer dass Regen und Sonnenstrahlen auf sie niederfallen, ein verwittertes, zerklüftetes Gebilde entsteht. Die Kinder sind in der Schule, sie haben ihre Schwierigkeiten beim Lernen wie Kinder auf dem Lande oft, aber sie machen sich nichts daraus. Sebastian, Tom und Paul, alle drei neun Jahre alt, lernen wir näher kennen. Sebastian ist ein Hans im Glück, er wird es wohl nicht allzu schwer haben im Leben. Tom liest häufig höchst animiert Texte aus Zeitungen und Büchern vor, er hat seine Ansichten zu allem und jedem, man spürt, das ist ein heller, phantasievoller Kopf, im Gegensatz zu Paul, der ein wenig schwerfällig, aber der beste Peitschenknaller ist. Das ist phänomenal, mancher Erwachsene übt diese Kunst Jahrzehnte lang und kriegt es nicht hin. Aber wie Paul das macht, das hat etwas Magisches, Dämonisches. Dieses Kind mit der vier Meter langen Peitsche.

Mit großer Fingerfertigkeit und wenig Sentimentalität werden Kaninchen und Schweine geschlachtet, das Blut fließt in Strömen, die Kinder sehen zu und helfen, sie werden das später auch können. Es wird viel und schwer gegessen. Die Frauen falten Papierrosen für die Kostüme zum Pfingstfest. Die Familien bekennen sich zu einander. Man spricht über Gott und die Welt. Man weiß auch, warum es Gott nicht geben kann. Das heißt, das wissen die einen, die anderen wissen wiederum, dass es ihn gibt. Tom lebt bei seiner Mutter und deren Lebensgefährtin, aber zu seinem Geburtstag erscheint der Vater und schenkt ihm ein Videospiel. Was alles möglich ist in so einem archaischen Dorf. Schließlich ist Pfingsten, das Dorf feiert das tausend Jahre alte Drecksaufest, das in einem wüsten Ritus begangen wird. Peitschenknallen, Wühlen im Schlamm, Rangeleien, die das Vertreiben des Winters durch den Frühlingen darstellen und den Sieg der Jungen über die Alten. Die Teilnehmer zeigen totalen, nachgerade unverständlichen Einsatz, die tollen Kostüme bald verdreckt und unbrauchbar.

In der letzten Sequenz drängen sich die Kinder vor der Kamera, jeder, egal ob er schön oder unscheinbar, schlank oder dicklich ist, will gesehen werden und aufgehoben sein in der filmischen Erinnerung. Was nicht ganz ohne die Verdrängung der anderen Kinder möglich ist.

Mario Schneider, der Regisseur, stammt natürlich aus dem Mansfeld. Und dies ist sein dritter Film über seine Heimat, deren Mysterien er vielleicht nicht entschlüsseln, aber doch dokumentieren will. Radfahren, denken wir auf dem Nachhauseweg, kann auch archaisch sein, ach, eigentlich alles.

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