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Der Liebe Wucht

Zeitungsausriss „Die Woche” 2001. Auch Willi Sitte trank gern einen guten Tropfen Wein.

Zeitungsausriss „Die Woche” 2001. Auch Willi Sitte trank gern einen guten Tropfen Wein.

Willi Sitte, der jetzt, mit 92 Jahren, starb, war ein störrischer Mann. Für mich tauchte er erstmals in Erik Neutschs Roman „Die Spur der Steine” auf. Da ging ein Maler durch die mitteldeutsche Industrielandschaft, der durch die Partei gemaßregelt worden war (Formalismus) und seinen eigenen Kopf bewahrte. Ein Außenseiter, auch wenn er unter Menschen war. Außenseiter war Willi Sitte mehr denn je nach der Wende und der deutschen Einheit, denn er war nicht nur ein bekannter, auch im Westen gut verkaufender Maler gewesen, sondern auch Präsident des Verbands Bildender Künstler und Mitglied des ZK der SED, also mächtig und Parteigänger des Staates.

Zweimal habe ich Will Sitte nach der Wende besucht, in Halle, in der Straße „Frohe Zukunft”, was ja auch wie ein Witz klingt. Ich sah, Willi Sitte war ein kleiner, magerer, offensichtlich zäher Mann. Mit einem diskreten Blick wies er mich darauf hin, Museumspantoffeln anzuziehen, wenn ich das Atelier betrete, und mit deutlichen Worten („Ja, wissen Sie denn auch nicht …”) zeigte er mir, dass ich eigentlich keine Ahnung hatte von seiner Arbeit und der Bildenden Kunst. Trotzdem war es ein Vergnügen, mit ihm zu reden, er kontrollierte sich nicht, haute einfach raus, was ihn bewegte, ob es ihm nun schaden mochte oder nicht. So waren auch seine Bilder. Er malte die Wucht der Liebe oder ging es dem Maler um die Wucht der Farben? Der Liebesakt war auf seinen Bildern eine intime Schlacht, die Leiber martialisch, aber das Fleisch ist auch schwach, und wo viel Fleisch ist, ist auch viel Schwäche. Sitte zeigte mir Bilder aus früheren Schaffensphasen, Zeiten, in denen er von Picasso und Léger beeinflusst war, Arbeiten, die ich erstaunlich fand, die mir aber halfen, seine späteren Bilder anders zu sehen.

Willi Sitte war kränkbar, übelnehmerisch und von bedrohlicher Konsequenz. Nach der Wende war er im Osten isoliert, er war eine patente Adresse, wenn man sich über das Ungemach in der DDR beschweren wollte, Sitte war mitschuldig, und er seinerseits glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, wenn er hörte, was Freunde und Verbündete plötzlich in Interviews von sich gaben. Er machte sich seine eigene Theorie daraus, beschloss, im Osten nicht mehr auszustellen und erfreute sich seiner Kontakte im Westen.

Ich weiß nicht. Einem Mann, der so offen ist wie Sitte, kann man nicht zürnen. Auch über das geflügelte DDR-Wort „Besser vom Leben gezeichnet, als von Sitte gemalt” mag man nur milde lächeln.

Das zweite Mal suchte ich Willi Sitte zusammen mit Jutta Voigt auf. Durch das erste Interview war sein Misstrauen, das er gegenüber Journalisten pflegte, geschwunden, trotzdem empfing er uns mit den Worten: „Wollen Sie wörtlich abdrucken, was ich sage? Ich werde mich bemühen, möglichst steif zu formulieren.” Um Himmels willen, dachten wir. „Ich habe Angst, dass ich wieder ins Quatschen komme”, erläuterte er. „Das fällt mir wieder auf die Füsse.” Er hatte sein Haus um eine Galerie erweitert, da saßen wir und tranken einen frischen Grünen Veltliner. Natürlich gelang es Sitte nicht, möglichst steif zu formulieren, er trug sein Herz nach wie vor auf der Zunge, redete über den amusischen Erich und die bildhübsche Margot Honecker  („Habe ihr auch gesagt, dass ich platonisch in sie verliebt bin und die hat das genossen.”) Er erläuterte sein Verhältnis zum Ideologie-Chef Kurt Hager: „Der Kurt Hager trank furchtbar gern einen guten Tropfen Wein. Manchmal sagte er, Willi, kannst du nicht ein paar Genossen auf deinen Weinberg einladen und wir singen Arbeiterlieder … Bernhard Heisig war dabei, er ist ein großartiger Sänger, kennt alle Lieder der Französischen Revolution. Es war Winter, wir tranken Wein und sangen Arbeiterlieder. Bei diesen Runden wurde sehr offen geredet. Arschleckerei gab es nicht.”

Ich goss mir den Grünen Veltliner nach. Ach, sagte Sitte in einer Mischung aus Empörung und Demut, „könnten Sie mir auch noch ein bisschen von meinem Wein nachschenken …” Er war, wie gesagt, sehr verletzlich. Leider bestand unser Chefredakteur damals darauf, Sittes Halbsatz mit der Arschleckerei zur Schlagzeile des Interviews zu machen. Das war natürlich äußerst peinlich, aber wir waren absolut machtlos.

Am Ende fragten wir den Maler, ob er jemals ein Bohemien war. Da muss ich fragen, sagte Sitte: Was ist das? Einer, sagten wir, der Normen bricht. Ein Feind des Mittelmaßes. Das war ich allerdings immer, sagte Sitte. Ich hab alle Untugenden auf mich genommen, aber ich bin nie zum Sklaven geworden, nie ein richtiger Trinker, kein Hurenbock. Wenn ich jemanden hatte, war ich der Treueste der Treuen.

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