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Unter Borowskis Niveau

Schon jetzt kommt es mir so vor, als hätte ich den Film nur geträumt. Den Kieler Tatort „Borowski und der brennende Mann”. Vielleicht kein Wunder, wenn man an die Lichter-Prozession denkt und an den brennenden Mann, der, während die Sirene heult, über die Galerie des Schulgebäudes rast, die Treppe hinunterstürzt, eine lebende Fackel, nicht mehr zu retten. Und dann noch eine verkohlte Leiche, auf einem Stuhl sitzend wie auf einem Thron, ein verbrannter König. „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?” Auch Krimi-Autoren kennen diesen Anfang von Thomas Manns Joseph-Romanen und saugen daraus, was sie für ihren Honig halten. Die Lösung des Falls liegt im Brunnen der Vergangenheit. Fünfzig Jahre her, da wollen fünf Kinder integrationsunwillige Flüchtlinge aus Pommern mit den Lichtern des Lucia-Fests missionieren; das Haus geht in Flammen auf, die Familie verbrennt im Feuer. Spät kommt die Zeit der Rache, aber sie kommt. Es ist richtig, glaube ich, wenn man Krimis nicht sonderlich schätzt, deren ganze Erklärung in der Vorgeschichte liegt, so dass die Archiv-Recherche reichen könnte, um den Fall zu lösen. Immerhin ist dieser Tatort clever genug, nicht das einzige mit dem Leben davon gekommene Opfer als Racheengel zu erwählen (die falsche Spur ist gelegt), sondern eine Person aus dem Kreis der Täter, die ein Leben voller Skrupel und Gewissensbisse gelebt hat, aus Reue und Rache geisteskrank geworden ist und mit krimineller Intelligenz verflucht ist. Alle sollen in Flammen aufgehen: die Mittäter von damals und man selbst.

Der Film hatte seine Umständlichkeiten, Längen und Un-Logiken, aber immer schön, Kommissar Borowski sprich Axel Milberg wieder zu begegnen, dieser langen, etwas wurstigen Gestalt im engen Mantel, bei aller Distanz und stabilem Selbstwertgefühl doch auch ein komischer Knochen, der die Nachtigallen trapsen und das Gras wachsen zu hören meint, wenn aparte Frauen ihn bewundern. Er ist weiblichen Reizen durchaus hold, und man dachte doch, er stünde darüber. Aber egal. Aus paradoxen Gründen wird doch immer nichts aus der Affäre. Borowski ist und bleibt der Spezialist für Täter-Profile. Und wie gern sagt er der schönen dänischen Kollegin ein übers andere Mal: „Sie leiten die Ermittlungen.” Das kostet ihn nichts. Das Superhirn ist er und kein anderer.

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