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Wie ein Leben zu Ende geht

Sie hat das Ihre gegeben

Sie hat das Ihre gegeben

Seit 1960 schrieb Christa Wolf Tagesberichte über den jeweiligen 27. September. Als Buch erschien das, noch bei Luchterhand, 2003: Christa Wolf „Ein Tag im Jahr 1960 – 2000”, ein beachtetes und beachtliches Werk zweifellos, das die Frage stellt, wie Leben zustande kommt und Antwort gibt wie von selbst, eine Antwort von Milliarden möglichen. Da äußerte sich eine – immer sorgende – Stimme der Vernunft, die nichts anders kann als Anteil zu nehmen. Man wollte das oft und von bestimmten Seiten nicht gern wahrnehmen, musste es aber bei jedem neuen Werk doch konstatieren: Christa Wolf ist eine moderne Prosaautorin, war immer interessiert an neuen Formen, war nicht selbstzufrieden, ist nie stehengeblieben. Sie schreibt auch über den Kleinkram des Lebens, was auch den Autor oft klein zu machen scheint, sie schont sich nicht, sie scheut nicht das Banale.

Am 1. Dezember 2011 ging dieses Leben zu Ende. Nun erschien, bei ihrem neuen Verlag Suhrkamp, die Fortschreibung des 21. September von 2001 bis 2011. Ein schmales Buch dieses Mal, ein wertvolles Dokument, nahe an uns dran. Wir lesen betroffen, wie ein Leben zu Ende geht. Wie man sich weniger freut, wie man sich weniger aufregt, wie man weniger zürnt. Wie die Familie immer wichtiger wird, und welch ein Glück, dass man sie hat. Den Mann, die Töchter, die Schwiegersöhne, die Enkel.

Christa Wolf hat viel mit Krankheiten zu tun gehabt, die Hüfte, das Knie, das Vorhofflimmern. Sie hat sich dem gestellt, sie hat mit „Leibhaftig” ein enormes Buch über eine Operation geschrieben. Schreiben über das, was man gern ignorieren würde. Ausprobieren, ob man darüber reden kann. Und ob es sich bewahrheitet, dieses „benannt – gebannt”. Wenn man die Kinder besucht, die Angst vor der Qual des Treppensteigens. Die Unlust, überhaupt zu gehen, es wird ohne Schmerzen nicht möglich sein.

Christa Wolf scheut sich nicht, davon zu erzählen, dass sie Zeit mit trivialen Dingen vertut (wie wir alle). Fernsehen, Krimis lesen. Das gewöhnliche Leben in der Wohnung am Amalienpark in Berlin-Pankow. Gerd geht einkaufen, Gerd zeigt und berichtet, was er eingekauft und beim Einkauf erlebt hat (sie beneidet ihn fast darum), Gerd kocht. Er lässt sich immer was einfallen. Es gibt wohl keine Schriftstellerin, bei der sich so oft der Satz findet: „Es schmeckt”. Und so kommt es zu dieser schlichten, gleichwohl großartigen Passage: „Gerd hat alles mit großer Lust zubereitet und freut sich an meiner Begeisterung. Soll ich dir mal was sagen? sage ich. Ich habe dich lieb. – Das beruht auf Gegenseitigkeit, antwortet er trocken.”

Auch so kann man das Resümee eines geglückten Zusammenlebens ziehen.

Reden wir über das Wort alt. Schreibt hier eine alte Frau? Möchte man nicht sagen. Man spürt es, das Alter, nur an den körperlichen Beschwerden, den Mühsalen, der Klage über das schnelle Vergessen der Lektüren und Filme, der Sehnsucht nach dem Mittagsschlaf. Im Denken war Christa Wolf nicht alt. Nicht im Beobachten und Aufschreiben: „Wir sitzen auf Klappstühlen im Flur, so dass die Patienten an uns vorbeiparadieren müssen. Fast alles ältere und alte Leute, wenig ansehnlich. Die Frauen meist kompakt bis dick – wie ich auch. Dazu ungünstig gekleidet. Und die alten Ehepaare – man hat das Gefühl, die langweilen sich miteinander und überhaupt, haben aber eine fast kindliche Abhängigkeit voneinander entwickelt. Wie sehen die anderen uns?”

Unter den täglichen Bemühungen die Zeitungslektüre, hier der Berliner Zeitung. Christa Wolf schreibt auf, was im Großen und Kleinen wichtig ist, den Sportteil überblättert sie wie immer, sagt sie fast stolz. Ja, wenn es einen Bereich des Lebens gab, der ihr verschlossen blieb, war das der Sport. Der aber wichtig ist und immer wichtiger wurde. Es scheint so zu sein, dass sich der Sport an seinen Ignoranten und Verächtern rächt (was ernsthafter Weise nicht sein kann).

Christa Wolf soll einmal, wie mir Eugen Verheugen erzählte, jungen Autoren zugerufen haben: Ihr müsst groß von euch denken! Auch das ist Christa Wolf. Kleinmütig wird man den Fragen der Zeit und aller Zeiten nicht beikommen. Andererseits dürfte es schwerfallen, als Leser der Berliner Zeitung groß zu denken. Aber auch das hat einen gewissen Charme.

Die Autorin zieht die Konsequenz im Strom der Ereignisse: „Das alles betrifft mich nicht mehr. Meine Zeit ist vorbei. Ich sehe den Ereignissen zu. Man 80 ist man nicht mehr dabei. Dies ist nicht mehr meine Zeit.”

Liegt das ausschließlich an dem Menschen, der das so empfindet? Oder liegt es auch an der Zeit mit ihrer Selbstbezogenheit und Geschichtslosigkeit …

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