Startseite > Deutsche Grammatik, Old Stuff > Helden des Ostens (3)

Helden des Ostens (3)

Berlin Mitte. Zwischen allen Zeiten

Berlin Mitte. Zwischen allen Zeiten

1996 oder so sahen wir den Dokfilm „Dämmerung – Ostberliner Boheme der fünfziger Jahre”. Ich war damals bei der „Wochenpost”, die es nicht mehr gibt, und schrieb eine Rezension. Die wurde nicht gedruckt, weil in derselben Woche ein wichtiger Film aus England den Platz beanspruchte. Der Film und der Text passen zu dem, was man jetzt in den späten Abendstunden manchmal im TV sieht. Helden des Ostens. Viele Leute, die erwähnt werden, sind inzwischen im Himmel. Oder in der Hölle. Das „Ganymed” ist ins Leben zurückgekehrt. Und der Text erblickt jetzt hier das Licht der Öffentlichkeit und umgekehrt.

Die Erinnerung kommt, der Grauton der fünfziger Jahre. Zerstörung, die Krieg und Nachkrieg überdauert. Lückenhafte Straßen, die man ihrem Schicksal überläßt. Räudige Ecken mitten in der Stadt. Man ge­wöhnt sich daran, daß es ein Ostberlin gibt, das etwas an­deres wird, als Berlin war und Westberlin ist. Man hat Zeit, sich zu bilden, sich zu betrinken und aus­zunüchtern.

Nebenan verlangt die Morgen­dämmerung der Marktwirtschaft den Leuten schon eine andere Stressbereitschaft ab. Im Osten gibt es genug blöde Hunde, die ihr Le­ben versauen durch die Sauferei. Der Kul­turminister mit dem extrabreiten Hosenschlag schickt sie zur Bewährung nach Stalinstadt. Oder er steht am Pult und deklamiert beschwörend den Text seiner Nationalhymne, wodurch er auch nicht besser wird. Die Friedrichstadt. Es gibt das Ganymed (heute verrammelt und verriegelt), die Hajo-Bar (nur noch Schutt und rauchende Trüm­mer des Bedauerns), das Pressecafé (heute Besucherdienst des Metropoltheaters, zwi­schendurch Goldbroiler), die Koralle, den Esterhazy-Keller. Nichts ist geblieben, wie es war, es hat nicht sollen sein. Dafür kommt die Erinnerung.

Sie kommt in einem Dokumentarfilm von Peter Voigt, sie kommt in einem Konvolut kurzer Sentenzen. Menschen sagen Sätze, die – gleicher Sinn, gleicher Unmut – förmlich in­einander verlaufen. Bilder versie­gen und fin­den eine ungewohnte Fortsetzung. Zeichen und Wörter hängen im Vagen, bis man erfährt, daß sie etwas angekündigt haben. Die Gegen­wart, die auch nicht von Dauer ist. Ein Chaos, das seine Gesetze hat. Man wird nicht ganz dahinter kommen. Wozu auch.

Es gab eine Ostberliner Bohème der fünfzi­ger Jahre. Für sie hat der Regisseur das ver­lassene Ganymed öffnen lassen, ein Ort nun, wie man sich auch Himmel oder Hölle vorstel­len kann. Hans-Dieter Knaup und Stefan Li­sewski, die Schauspieler. Werner Stötzer, der Bildhauer. Barbara Brecht. Ekkehard Schall. Karl-Eduard von Schnitzler. Gerd Zeuchner, der Baumensch. Kurt Mühle, der Architekt. Rudi Ebeling, der Maler.

Alles ist weg. Der Schauspieler Rolf Ludwig liest seine Lieblingsgeschichte von Wolfgang Borchert: Die Kuckucksuhr. Ludwig führte in jenem Berlin einen pazifistischen Partisanen­kampf. Rolf wurde immer liebenswürdiger, wenn er blau war, erzählt Charlie Weber in Amerika. Es war alles neu, sagt Barbara Brecht. In diesem räudigen Ostberlin gelang es, ein Theater zu erschaffen, von dem die Welt sprach. Die wa­ren auch versoffener als wir, sagt ein Schauspieler des Deutschen Theaters über die Leute vom Berliner En­semble und nennt die versoffenen Genies. Die Landschaft war öde. Die Menschen waren optimistisch. Der Schnaps war gut. Die Bars waren wunderbar, das Urteil des Bildhauers Igael Tumarkin, der für kurze Zeit am BE wirkte. Berlin – wide open city, deklamiert Charlie Weber in Stanford. Es war das größte Vergnügen zu le­ben. Hier war alles. Und warum soll ich nicht frei gewesen sein! erin­nert sich Werner Stötzer.

Wir wußten von Verfolgungen. Wie sind wir damit fertig geworden, insistiert der Regis­seur. Ja, da hast du recht, antwortet der arme Stötzer. Durch Arbeit… Der Mensch, wenn er früh aufsteht… Man probiert, mit dem Ge­genstand eine andere Wirklichkeit zu schaf­fen!

Trauernde bei Stalins Tod. Walter Ulbricht hüpft gelenkig ans Rednerpult. O-Ton Wo­chenschau: Ein amerikanischer Panzer fuhr in eine deutsche Straßenbahn.

Die Kneipen wur­den Werke genannt. Werk 1: Pressecafé, Werk 2: Hajo-Bar. Werk 3: Möwe. Früh um neun machte das Pressecafe auf, Werk 1 haben wir immer gesagt, da saßen wir mit ’ner Träne im Knopfloch, weil: Man hätte ja auch arbeiten können, erzählt Mühle, der legendäre Anti-Held, früher Architekt von Messepavillons, heute privater Aktzeichner. Am 17. Juni ’53 hat er im Konsum sämtlichen Schnaps gekauft. Bei Revolutionen wird im­mer zuerst der Alko­hol gesperrt. Von den Or­ten des Ge­schehens wandte er sich sofort ab. Panzer hatte er genug gesehen. Nun sitzt Mühle im hellen Trenchcoat allein an einem weißgedeckten Tisch im Ganymed, eine Fla­sche Rotwein vor sich, ein Glas. Das Sächsi­sche, das Berlinische und die Zahnlosigkeit sind eine unnachahmliche Fusion eingegangen in seiner Sprache. Mühle fröstelt. Mühle lä­chelt. Er beschreibt, wie leicht man sich hun­dert, zweihundert oder auch fünfhundert Mark borgen konnte. Die Notgemeinschaft arbeitsscheuer Intellektueller funktionierte immer. Seine Worte. Mühle, wann stirbst du? fragt der Regisseur eine heikle Frage. Da hab ich noch keene Absicht, antwortet Mühle freundlich. Da warten wir noch ’ne Weile. Ich will noch den Aufschwung erleben.

Natürlich war nicht alles Suff und Witzelei. Die Theater waren gut, die Bilder waren gut. Das haben die selben Leute gemacht. Sie holten sich die Geschichten, die sie brauchten, in diesen Kneipen, in diesen Nächten ab. Man sprach viel mehr als heute mit Leuten anderer Berufe, sagt Schall, wir waren eben Träumer, wir haben an was geglaubt, der Maler Ebeling, wir hatten sehr viel Zeit, wir lebten alle hier mit so einem römischen Stipendium, der Bau­mensch Zeuchner, und Schnitzler improvisiert auf dem Klavier Moskauer Abende. „Nje slüschnü w sadu…”

Es gibt ein Leben vor dem Tod, sagt der Regisseur im Kommentar. Es gibt ein Leben neben der Politik. Es gibt ein Leben neben dem Geld. Es gibt ein Leben neben der Liebe. Aber nicht ohne Liebe. Denn nebenan saßen die Mädchen aus der Mo­debranche. Sie waren siebzehn. So schön fand ich die Zeit nicht, sagt eine. Ich weiß nur, daß die Männer sich mit uns geschmückt haben, weil wir hübsch aus­sahen. Interesse hatten sie sowieso nicht an uns, weil wir nichts zu sagen hatten.

Peter Voigt hat die Bestandteile des Lebens, die Bilder und Töne, so geschnitten und ge­mischt, daß seine Erinnerung zu schweben scheint. Er hat das Leben auf den Kern kom­primiert, der nicht erklärbar, nicht interpre­tierbar ist. Da sind Leute dritte, vierte und fünfte Wege gegangen, als es nur zwei Haupt­straßen zu geben schien. Das Paradies ist nicht, was kommt, sondern was war. Dreimal erzählt Knaup die Geschichte des Australiers, der ins Irren­haus geschafft wurde. Er hatte sich einen neuen Bume­rang gekauft und wollte den alten wegschmeißen.

Man kann die vergangene Zeit nicht weg­werfen. Sie kommt immer wieder.

  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: