Startseite > Deutsche Grammatik > Helden des Ostens

Helden des Ostens

Die Einsamkeit der Bäume

Von der Einsamkeit der Bäume

Manchmal sieht man sie eben, spät im Fernsehen, in langsamen Filmen: die Helden des Ostens, Menschen des Übergangs, die lange unsichtbar waren und wieder unsichtbar werden, gerade jetzt den „Vaterlandsverräter” (so heißt der Film) Paul Gratzik. Da muss man weit zurückgehen. 1968 wurden am Literaturinstitut „Johannes R. Becher” einige Studenten exmatrikuliert, die kaum angefangen hatten, dort zu studieren. Die einen, weil sie inoffizielle, aber scharf beobachtete Lesungen veranstaltet hatten, ein anderer, weil er Vater von sieben Kindern war, aber nur zwei im Personalbogen angegeben hatte und so weiter, auch Paul Gratzik wurde rausgeschmissen, welche obskuren Gründe es bei ihm gab, weiß ich nicht mehr, vielleicht hatte er Schulden. Dabei war Gratzik das, was der Staat so dringend suchte: Arbeiterdichter. Auf der anderen Seite bestand wenig Hoffnung, dass er strahlende Kollektive und Bestarbeiter beschreiben würde. Seine Gestalten waren der Kohlenkutte und der Transportpaule und brachten seltsames Spruchtum ein in die Literatur. Wer über den Hund kommt, kommt auch über den Schwanz.

Der Film beginnt als Seestück. Paul Gratzik, nun ein alter Mann, vom Leben gezeichnet, nie ohne Hut, selten ohne Krawatte, rudert. Annekatrin Hendel, die Autorin des Films, befragt ihn mit der heiligen Unschuld, die ihr gegeben ist, und macht Gratzik dabei fuchsteufelswild. Es ist natürlich die Stasifrage, die ihn aufregt: Dir ist auch gar nichts heilig! Ich habe dich inständig gebeten, dieses Thema zu lassen. Ich geh über Bord. Ich hör diese schweißwestdeutschen Filmfragen genau raus. Glaub mal nicht.

Aber Gratzik ist ein Mann, in dem die Widersprüche Feste feiern. Genauso, wie er es ablehnt, über die Stasi zu reden, redet er über die Stasi ohne Hemmung: Ich hatte gute Gründe, diese Arbeit zu machen. Ich hab kein Gewissen, ich hab keine Moral. Jedenfalls nicht eure.

Als Dramatiker, der er ist, gibt Gratzik grandiose Rollenspiele. Er ist leutselig, er ist jovial, zärtlich, väterlich, er ist Revoluzzer (mit dem verbrannten Vokabular des Parteilehrjahrs), er ist Provokateur, er ist ein Mann, der sich spezielle Alkoholmischungen braut, die ihm einen Energieschub geben, er hegt eine Hanfpflanze für den Eigenbedarf, den Samen haben ihm Freunde aus Afghanistan mitgebracht, er ist ein Einsiedler, der sich im Winter auf seinem abgelegenen Gehöft in der Uckermark den Arsch abfriert, und er war ein schöner, gut gewachsener junger Mann, den Schauspielerinnen verführten und mit dem Opernsängerinnen das Bett teilten. Er sah aus wie ein Zigeuner, sagt die Frau von der Oper. Von der Schönheit ist nichts geblieben, aber ein rauer Charme verlässt ihn nicht. Und dann war da die unselige Zeit als IM, zwanzig Jahre, bis er 1981 bei der Stasi, wie er sagt, in den Sack haute. Und heute stöhnt er, wenn er diese Berichte liest: Oh Gott, was für ein Scheißdeutsch. Kein Satz erinnert mich an die wirkliche Situation.

Seltene Gelegenheit: Wir lernen Gratziks Führungsoffizier kennen. Er sitzt am Tisch und ist sozusagen der Idealtypus. Sächsische Zunge, Politbürofrisur. Unrechtsbewusstsein ist ihm nicht zueigen, aber ein Hang zu trivialer Philosophie. Man sieht sich als gottähnliches Wesen: „Ich habe dann veranlasst über die Abteilung XX, dass die Druckgenehmigung erteilt wurde.”

„Irgendwann hat er auch eine halbe Flasche Schnaps gebraucht“, sagt Gratzik über den  Mann, „aber er hat keinen Alkohol vertragen. Wir haben alle abgebaut.“

Gratziks kräftige, poetische Art war in Gefahr, verloren zu gehen, als er ins Establishment der Berufsdichter aufrückte, sagt sein Dramaturg. Er ging durch viele Höllen, er hörte nicht auf zu grübeln, er stellte fest, dass die Stasi mit der Bespitzelung des Volks die Arbeit des Klassenfeinds verrichtete, und als er knapp seinen Rückzug miteilte, stellte sich die nächste Krise ein. Er hatte plötzlich nichts zu tun. Man hatte ihm gedroht, dass er in der Republik kein Bein mehr auf die Erde bekommen werde. Auch Verräter leiden, sagt Gratzik, wen auch immer er damit meint.

Er lebt ein Inselleben. Seltsame Gedanken kommen auf. Über die Selbstversorgung der Kohlmeisen, über die Bauersfrauen, die ihren Hühnern keine Namen geben, weil sie wissen, dass sie sie irgendwann doch schlachten müssen, und über Berlin, das umgeben sei von Irrenanstalten. Je seltsamer diese Gedanken sind, desto wertvoller sind sie auch.

„Es ist ja schwer, in der deutschen Sprache einen Satz aufzuschreiben, den es vorher nicht gab”, sagt Gratzik. „Und das hat der Sascha manchmal gekonnt.” Sascha Anderson. Der IM über den IM. Die Opernsängerin geht förmlich an die Decke, als sie sich das Elend der Stasiberichte vergegenwärtigt, mit dem ein Land in Schach gehalten wurde. Oder sich in Schach hielt.

Gratzik erlebt gute Stunden, die gleichzeitig auch schwere Stunden sind. Er trifft seine Tochter (die Straßenbahnfahrerin), er trifft, zum ersten Mal, seinen Sohn. Und er will seine Tochter, die ältere, nicht kennenlernen, denn wenn sie in sein Leben tritt, tritt auch ein neues Drama in sein Leben.

Und endlich beteuert er, dass der Sozialismus nicht gescheitert sei. „Es ist ja so, dass die Eroberer infiziert werden. Die Eroberer übernehmen die Kultur des eroberten Landes.” Durch so was überlebt der Mensch.

  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: