Rodriguez

Searching for Sugar Man – wir sehen den Film über einen Singer-Songwriter, den wir nicht kennen. Sixto Rodriguez. Es war um 1970. Motown-Musikmanager bekamen einen Tip. Gingen in einen Club in Detroit und wurden Zeuge, wie Rodriguez mit dem Rücken zum Publikum sang. Irgendetwas stimmte nicht zwischen den Leuten und dem Sänger. Aber die Songs waren gut, aufbegehrend, leidenschaftlich, die Stimme klang mühelos, der Typ, ein Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln, wirkte wie ein Indio in der Autostadt. Rodriguez spielte zwei Alben ein, Cold Fact und Coming from Realitiy. Hervorragende Alben, die nur einen Fehler hatten: Kein Mensch kaufte sie. So was scheint es zu geben. Oder auch nicht. Denn am anderen Ende der Welt, in Südafrika, wurde Rodriguez zum Hero, seine Leichtigkeit, sein Trotz, seine Eigenwilligkeit, sein Aufbegehren. Seine Platten wurden zu Hunderttausenden verkauft. Aber er blieb ein Mythos. Zwei dieser südafrikanischen Fans begannen zu recherchieren. Was war mit Rodriguez. Sie erfuhren, dass er ein doppelter Toter war. Es gab Leute, die gesehen hatten, wie er sich bei einem misslichen Konzert auf der Bühne verbrannte. Es gab Leute, die sagten, er habe sich on stage erschossen. Den Südafrikanern gab der Widerspruch dieser Aussagen Hoffnung. Sie hörten nicht auf zu forschen. Und es gab Spuren. Dann erreichten sie Rodriguez’ Tochter. Und dann telefonierten sie mit einem Mann. Sie konnten es nicht glauben. Das war Rodriguez. Es war die Stimme, die keinen Zweifel zuließ. Die Stimme war unverkennbar.

Im Film sehen die Häuser in Detroit aus wie Pappschachteln. Das ist eine entscheidende Sequenz im Film. Der schwedische Regisseur Malik Bendjelloul zeigt ein Haus, etwas größer. Ein Fenster im ersten Stock wird geöffnet. Im Fenster taucht Rodriguez auf. Mit seinen langen Indiohaaren. Bis zu diesem Moment konnten wir nicht glauben, dass der Film uns wirklich zu ihm führen wird.

Seine Töchter haben mehr über Rodriguez zu erzählen als Rodriguez. Rodriguez ist freundlich, er lächelt, er scheint zu denken: Seht mich an. Was ihr seht, ist mehr, als ich sagen kann. Er hat keine Ahnung, was mit seinen Platten passiert ist. Geld ist bei ihm nicht angekommen. Er weiß, dass es so etwas möglich ist: Eine Karriere, die nicht abhebt bei besten Voraussetzungen.

Nach der Musik kam der Bau. Er hat Häuser entkernt und rekonstruiert. Er schuftet immer noch.

Die Südafrikaner schaffen es, ihn in ihr Land zu holen. Fast dreißig Jahre nach seinem Start. Ein ausverkauftes Konzert 1998. Danke, dass ihr mich am Leben gehalten habt, ruft Rodriguez in die Arena. Die Leute springen auf und jubeln. Rodriguez hat keine Band. Eine südafrikanische Gruppe begleitet ihn. Man denkt, er hält den Druck nicht aus, er hat sowas nie erlebt, er ist ein Mann in seinen späten Jahren, das Leben hat Spuren hinterlassen, vielleicht zeigt er den Leuten wieder seinen Rücken. Nein. Die Leichtigkeit seiner Stimme, seiner Haltung. Rodriguez singt Sugar Man, Rodriguez singt I Wonder. Die Songs von damals, als er jung war und keiner seine Platten kaufte. Er ist endlich am richtigen Ort.

Rodriguez gibt fünf ausverkaufte Konzerte in Südafrika. Dann geht er zurück nach Detroit und schuftet auf dem Bau. Fliegt noch einige Male nach Südafrika, spielt über dreißig Konzerte. Das Geld meidet ihn nach wie vor.

Zweimal beobachten wir Rodriguez, wie er durch seine Stadt geht. Einmal im Schnee, einmal über ein steppenartiges Gelände. Es ist ein schlenkriger, nachlässiger, unrunder Gang. Steife Beine. Wir wollen diesen Mann nicht fallen sehen. Rodriguez fällt nicht.

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