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Marc Aurel, der Fatalist

Buchstaben, für die man keine Brille braucht

Buchstaben, für die man keine Brille braucht

Brille vergessen. Ich bin aber gewöhnt, in der S-Bahn zu lesen. Da ist zum Glück ein Buch mit großen Buchstaben im Rucksack. „Wie soll man leben? Anton Cechow liest Marc Aurel”. Aus was allem oder aus wie wenig man doch ein Buch machen kann. Es handelt sich tatsächlich nur um die Abschnitte, die Tschechow in der, gekürzten, russischen Ausgabe von Marc Aurels Selbstbetrachtungen angestrichen und meistens auch mit Überschriften versehen hat oder eher mit Rubrizierungen: Enthaltsamkeit. Freiheit. Gute Taten. Feinde. Herrscher. So etwas. Ein Vorwort des Herausgebers Peter Urban kommt dazu und fertig ist der Lack. Warum nicht. Ich kann das ohne Brille lesen, wenn ich die Augen etwas zusammenkeife. Urban meint, dass man den Einfluss Marc Aurels auf Tschechow nicht bemerkt oder unterschätzt hat und zitiert absurderweise aus der Große Sowjetenzyklopädie der Stalinzeit, um was auch immer zu beweisen: „Die Ohnmacht der herrschende Klasse des Römischen Reiches und die hoffnungslose Lage  der antiken Sklavenhaltergesellschaft widerspiegeln sich in der Philosophie Aurels in der Gestalt von Fatalismus, des Aufrufs zur Ergebenheit in das Schicksal. Er predigt Gleichmut gegenüber äußerlichen Gütern und Demut im Angesicht des Unvermeidlichen.”  Das soll belegen, wieso man die Bedeutung Marc Aurels für Tschechow nicht vermessen hat. Hier nicht und da nicht. Als wenn Fatalismus etwas Schlimmes wäre. Der Fatalismus bei Marc Aurel klingt so: „Wenn alles auf der Welt von einem unbarmherzigen Gesetz regiert wird, welchen Nutzen hat dann dein Widerstand? Wenn es indes eine Vorsehung gibt, stell dich unter ihren Schutz. Wenn du aber auch die Vorsehung nicht anerkennst, sondern in allem nur  die Willkür des blinden Zufalls siehst, so freue dich und frohlocke, dass du in diesem planlosen Wirrwarr der einzige bist, der, in seinem Geist, die Macht der Vernunft besitzt. In welche Wasser der blinde Strudel dein Fleisch und deine Seele immer treiben mag, dein Geist steht hoch über jeder Naturgewalt.”

Fatalisten werden als schwache Figuren angesehen. Menschen, die sich den Gegebenheiten beugen. Das ist oberflächlich geurteilt. Es geht darum, den Versuch zu unternehmen, das Leben zu lesen, ihm eine allgemeine Idee abzugewinnen, die man auch Schicksal nennen kann, und vor diesem Hintergrund zu handeln. Grenzen haben wir alle. Darunter sind Grenzen, die unüberschreitbar sind. An die müssen wir keine Zeit und keine Aktivität verschwenden. Ich nenne das pragmatisch.

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