Startseite > Deutsche Grammatik > Episode aus der Zeit einer Arbeitslosigkeit

Episode aus der Zeit einer Arbeitslosigkeit

Nach einem Termin auf dem Arbeitsamt entspannen sich Arbeitslose auf dem Berliner Oktoberfest

Nach einem Termin auf dem Arbeitsamt entspannen sich Arbeitslose auf dem Berliner Oktoberfest

Auf eine bestimmte Frage im so genannten Leistungsantrag des Arbeitsamts setzte Hubert Schubert sein Kreuz bei Nein. Seitdem hatte er dort Stress. Die Frage lautete in etwa: Sind Sie bereit, alle Möglichkeiten zu nutzen, um Ihre Arbeitslosigkeit zu beenden? Da musste Hubert Schubert weiß Gott nicht lange überlegen. Natürlich muss man als Humanist und Bürger einer demokratischen Republik bei solchen Fragen einen ethisch-moralischen Vorbehalt machen! Kann nicht zu allem bedingungslos Ja und Amen sagen! Arbeit um jeden Preis? Wohin führt uns das?

Allerdings hatte Hubert Schubert keine Ahnung, wie sich der Durchlauf eines Antrags auf dem Arbeitsamt gestaltet, ihm fiel also nichts auf, als er bei Abgabe seiner Papiere bedeutungsschwer angesehen und ohne Kommentar zu einer in der Hierarchie wahrscheinlich weiter oben angesiedelten Bearbeiterin geschickt wurde. Die sah sich seinen Antrag mit angewiderter Miene an und sagte finster, dass Hubert Schubert keine Leistungen beanspruchen könne, da er nicht bereit sei, alle Möglichkeiten zu nutzen, um seine Arbeitslosigkeit zu beenden. Alle Möglichkeiten?, wiederholte Hubert Schubert und betonte das „alle”. Ich würde zum Beispiel, gab er an, keine inhumanen Sachen machen. Auf keinen Fall.

Innerhalb Ihres Berufes, belehrte die hochrangige Bearbeiterin (was auch immer das heißen soll). Ach so, sagte Hubert Schubert und tat, als hätte er verstanden, was sie meinte, denn immerhin konnte man auch in seinem Beruf, wie in jedem Beruf, inhuman handeln, sogar, wie man weiß, als Seelsorger. Und so steht’s nicht hier im Fragebogen …

Dennoch setzte er sein Kreuz nun bei ja und meinte, dass die Angelegenheit erledigt wäre. Daraufhin überreichte ihm die hochrangige Bearbeiterin einen Fragebogen, der, wie sich herausstellte, als äußerst diskriminierend empfunden werden musste. Das Papier unterstellte ihm, dass er arbeitsscheu sei, und versuchte, ihm durch alberne Fangfragen ein Geständnis abzuringen.  Hören Sie, wollte Hubert Schubert sagen, Sie beleidigen meine Intelligenz, aber er unterließ es, denn die Beweise waren ganz auf seiner Seite. Nicht nur hatte er nicht gekündigt, nein, mit ihm waren noch 80 weitere Arbeitnehmer gekündigt worden. Nicht nur, dass er nicht froh war über die Kündigung, er hatte sogar eine Klage dagegen erhoben.

Zu seiner Überraschung wurde ihm mitgeteilt, dass sein Arbeitslosengeld ruhen müsse, also nicht gezahlt werde, da er ja noch Ansprüche gegen seinen alten Arbeitgeber habe, und dass seine Ansprüche aus dem alten Arbeitsverhältnis an das  Arbeitsamt abzuführen seien.

Kafka lässt grüßen, sagte Hubert Schubert resigniert.

Wer?, fragte die Bearbeiterin und schaute in ihre Statistik, um dann mit dem Kopf zu schütteln. Kafka mit C oder mit K?

Es kann ja sein, dass diese Bundesrepublik irgendwann ähnlich schmählich untergeht wie einst  die DDR und dass man dann nachschaut und sagt, aha, Sie waren bereit, alle Möglichkeiten zu nutzen, um Ihre Arbeitslosigkeit zu beenden? Auch Auftragskiller? Flugzeugentführer? Terrorist? Selbstmordattentäter? Ab in Quarantäne.

Das möchte ich mir eigentlich ersparen, sagte Hubert Schubert.

(Eh. Hubert Schubert ist doch bei dir für die Träume zuständig, dein Träumer vom Dienst. Warum jetzt hier, auf dem Arbeitsamt?

Arbeitsamtserlebnisse sind ja Träume, düstere Träume, Albträume oder Alpträume.)

Kategorien:Deutsche Grammatik Schlagwörter: ,
  1. Lobo
    März 5, 2013 um 6:49 pm

    Lieber Fritz,

    ein Zwiegefühl von Lachen und Heulen über unsere Institutionen und ihre „Beamten, die Stolz auf ihre Gegenwart sind“ (Wenzel) entsteigt deinem trefflichen Bericht. Kein Wunder, wenn Hubert Schubert zum Fatalisten mutiert oder was wahrscheinlicher ist, schon wurde. Armes Deutschland, deine Kinder, deine Zukunft!
    Fritz, ich habe GROSSEN Nachholebedarf bei „Kopkas Tagebuch“ und werde mich dem mit Vergnügen stellen

    Liebe Grüße aus

    Panketal

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: