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Vorsicht Strickjacke!

Die Mistel (rechts oben im Baum) galt als Abwehrmittel gegen Blitz, Krankheit und Verhexung. (dtv-Lexikon)

Die Mistel (rechts oben im Baum) galt als Abwehrmittel gegen Blitz, Krankheit und Verhexung. (dtv-Lexikon)

Vier Männer stehen in Joppen, Anoraks oder Pullovern in der Februarkälte und rauchen stoßweise. Das scheint das Hauptsächliche zu sein, was sie zu tun haben. Aber eigentlich geht es immer noch um den nie ans Ende kommenden Neubau schräg gegenüber, wo mal das kleine Haus der alten Frau stand, die eines Tages tot war.

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Nadja Uhl. Über die Villa Gutmann, die ihre Familie in Potsdam gekauft hat:

Wir bauen. Wir bauen die nächsten zwanzig Jahre … Es ist nun mal so, dass wir dieses Projekt angetreten haben, ohne zu wissen, was auf uns zukommt. Jetzt machen wir Stück für Stück weiter. Dabei hatte ich nie vor, mich in eine Ruine zu begeben, deren Bau mein ganzes Leben beeinflussen wird. Aber wir genießen es, dort zu sein. Der Bauprozess und die Geschichte eines solchen Hauses sind ein Geschenk. Merkwürdigerweise löst dieser unfertige Zustand auch bei den Menschen, die uns besuchen, etwas aus … Die meisten Menschen streben nach Ordnung, Klarheit, Überschaubarkeit, Minimalismus. Aber so ein üppiges, chaotisches und sehr gemütliches Umfeld wie bei uns führt zu einer großen Kreativität. Das Unfertige, Unvollkommene entspannt. (FAS, 6. 1. 13)

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Ich war jung und brauchte den Titel. Annette Schavan.

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Warum ist der Papst zurückgetreten?

Er glaubt nicht mehr an Gott.

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Musstest du denn jemals bügeln?

Ja, natürlich! Habe ich auch gemacht. Viele Leute haben mich sogar gefragt, wo ich die originellen Hemden herhabe.

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In einer späten, inzwischen vergangenen Zeit nahm Dustin Hoffman vier Jahre lang keine Rollen mehr an. Er fand immer Gründe, etwas auszusetzen, wenn er die Drehbücher las. Seine Frau sagte: Du trägst nur noch Strickjacken und gehst nicht mehr aus dem Haus.

Das saß. Er machte eine Therapie. Vorsicht vor Strickjacken! (Zeit-Magazin 2/2013)

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Der Film „Der Architekt” auf Eins Festival oder so. Tief verschneites Bayerndorf. Das verkramte Haus, das seit vielen Generationen im Besitz der Familie des Architekten ist und in der Regel verschmäht wird, denn der Architekt (Josef Bierbichler) und seine Familie wohnen in Hamburg. Der Sohn des Architekten, Matthias Schweighöfer, trifft die dörfliche Geliebte des Architekten, Sophie Rois, die eine Fahrradpanne hat und ziemlich hilflos herumhantiert. Der Sohn hilft ihr und sagt, dass dazu ein Sprichwort passt. Sie bedankt sich und fragt nach dem Sprichwort. Er sagt: Man kann den Tiger reiten, aber man darf nicht absteigen. Sie sagt: Ja. Versteh ich nicht. Er sagt: Ja, ich versteh’s auch nicht.

Schön akausal.

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Was passiert mit Berlin (und anderen Städten)? Staatliche Liegenschaften werden meistbietend verhökert, es entsteht eine Luxuswohnanlage nach der anderen. Rückkehr der bürgerlichen Wohnkultur oder Zombifikation der Stadt, fragt Niklas Maak in der FAS.

„Natürlich gab es in Berlin noble Wohnbauten. Aber gleich daneben, dahinter, unter dem Dach lebten … Menschen mit deutlich weniger Geld, die Bars und Läden eröffneten, in denen sich die sozialen Schichten durchmischten.  Diese Durchmischung sucht man in den neuen Wohnarealen vergeblich; aber vielleicht wollen die Planer der neuen Städte auch gar nicht zum Ideal der wilden, übervollen Stadt zurück. Vielleicht ist das Ideal nicht das bürgerliche, sondern das feudale, kleinstädtisch vormoderne Berlin …” FAS, 2. 12. 2012

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Jean Pierre Leaud, das ewige Kind.

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Gestern mal wieder ein Buch zu Ende gelesen, endlich. Sloterdijk, Zorn und Zeit. An sich macht er nichts weiter, als die Menschheits- oder Revolutionsgeschichte in den Bankenjargon zu übertragen, was manchmal erhellend und öfter mal kurios ist. Ich muss zugeben, dass Sloterdijk Humor hat. Vielleicht ist er in erster Linie Humorist.

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Im Schnee liegen die Straßen noch stiller auf der Stadt als sonst.

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Bist du jetzt auch noch Feministin?

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Da sie ihm alles nachplapperte, dachte er, sie sei intelligent.

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Ich ärgere mich über vieles, wenn der Tag lang ist. Wenn der Tag kurz ist, ärgere ich mich über einiges weniger, dafür aber umso intensiver.

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David Grossmann … erzählte, dass Schreiben der beste Weg war, gegen die Willkür zu kämpfen, die dieser Tod (seines Sohns durch eine Rakete der Hizbullah) für ihn bedeutete. Es gebe Situationen, in denen die einzige Freiheit, die einem bleibe, die des Beschreibens sei… Die Freiheit, mit eigenen Worten das Schicksal zu beschreiben, das über einen verhängt sei. Julia Encke über Grossman, Aus der Zeit fallen, FAS, 27. 1. 13

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Henning Mankell, als 15jähriger allein in Paris:

Ich habe jede Art von Aushilfsjob angenommen, an erbärmlichen Orten geschlafen. Ich weiß seither, wie wichtig Geld ist. Man braucht nicht viel davon, aber wenn man gar nichts hat, verzweifelt man und wird leicht kriminell. FAS, 3. 2. 13

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Ist nicht auch schon der Name Anne Will sexistisch? Ganz zu schweigen von Hans Eichel.

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Meine Schizophrenie geht so: Da bin ich, der Zeit verplempert, und da bin ich, der mir dabei zusieht, wie ich Zeit verplempere und darüber nur den Kopf schütteln kann.

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Alter ist, wenn du feststellst, dass du alle Dinge, die du wirklich brauchst, schon hast, und meistens hast du sogar zu viel davon.

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Eine neue Schicht der Gesellschaft, deren Rechte gerade gestärkt worden sind: Kinder anonymer Samenspender.

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Der asynchrone Gang alter Ehepaare. Asynchronität um jeden Preis.

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Im Live-Ticker bei kicker.online kommen beachtliche Sätze zustande, wenn in aller gebotenen Eile über die Zweitligaspiele berichtet wird:

Zu Beginn kommt die Begegnung noch etwas wild daher. Viele lange Bälle, wenig Präzision und daraus resultierende Ballverluste prägen das Geschehen auf dem Rasen. / Bolands Schuss wird abgeblockt, mutiert dann zur Kerze und wird zur Vorlage für Ademi, der in der Konfusion ans Leder kommt und aus sieben Metern unter Bedrängnis abzieht. Der Ball touchiert noch das rechte Außennetz. / Hochscheidts Ball überschreitet die Torauslinie im Flug. / Huber bremst stark ab, flankt dann mit links aus dem Halbfeld. Männel nimmt den harmlosen Ball auf.

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