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Aufstieg zum Galgen

Im Berliner „Arsenal” am Potsdamer Platz zeigen sie Filme von  Larissa Schepitko, es sind gerade mal viereinhalb. Schepitko kam als Vierzigjährige bei einem Autounfall ums Leben.

Man schwebt mit dem gläsernen Fahrstuhl ins zweite Untergeschoss und befindet sich sofort unter Freaks. Die grauhaarige Intellektuelle, die konzentriert in einem Paperback liest und Notizen in einer winzigen Schrift hineinkritzelt. Kinematographische Heldengestalten mit femininen Frisuren. Veteranen der Kunst- und der linken Szene. Filmstudenten. Eine Japanerin kramt eine silberne Thermoskanne aus ihrem Rucksack und schenkt sich Kaffee ein. Einmal während des Films blendet mich diese Kanne, und ich weiß zunächst nicht, was es ist. Ansonsten darf man sagen, dass es sich im Arsenal um ein diszipliniertes Kinopublikum handelt. Es wird allerdings mit zehnminütiger Verspätung angefangen, weil der Filmvorführer genau weiß, wer von den Stammzuschauern noch fehlt. Alles sehr sympathisch.

„Aufstieg”, gedreht nach einer Novelle von Wassil Bykau, ist ein Winter-, ein Kriegs- und ein Sinn-des-Lebens-Film. Und vor allem ein Film der Bilder. Die ukrainische Schneewüste, die dich zu verschlingen droht. Eine Überlandleitung, die Masten stehen auf abenteuerliche Weise schräg, als könnten sie jeden Moment fallen und das Ende der Welt einleiten. Schepitko, heißt es, erschuf „eine Bildsprache, die mit eindringlichen Bildern innere Welten zu evozieren vermochte”. Kahle Bäume, deren Astwerk an verworrene Seelenzustände denken lässt.

Der Kommandeur einer Partisaneneinheit hat Rybak und Sotnikau ausgesandt, damit sie Lebensmittel für die ausgehungerten Kämpfer beschaffen. Sie werden von den Deutschen gefasst. Einer von beiden wird sein Leben retten, weil er kollaboriert. Wer wird es sein, Rybak, der Fünftklässler, der gern von seiner Liebsten redet, oder Sotnikau, der Lehrer, der von seinem Husten fast zerrissen wird? Rybak hängt am Leben, in seiner Naivität glaubt er, listig genug zu sein, um sich retten zu können und der Heimat nicht zu schaden. Der Lehrer, Sotnikau, mit glühenden Eisen gefoltert, begibt sich früh und mit aller Konsequenz auf den Passionsweg. Ein ukrainischer Christus. In der unterirdischen Zelle kämpft Rybak mit dem Kameraden und mit seinem Gewissen. Das ist ein pathetisches, quälendes, schier unerträgliches Wüten mit Argumenten.

Warum „Aufstieg”, warum heißt Schepitkos Film so? Der Weg zum Galgen führt auf eine Anhöhe. Sotnikau und die Mitverurteilten schleppen sich hinauf, es ist eine lange Prozession, akzentuiert von dem ständig wiederholten, immer gleichen deutschen Befehl, ein Aufstieg in den Tod und die Unsterblichkeit. Falls es die gibt. Selbst, um dem Tod nahezukommen, muss man sich schinden. Rybak bleibt übrig, geschlagen mit dem „tückischen Schicksal eines im Krieg verirrten Menschen”.

Danach gehen wir die Treppe hinauf, nehmen nicht den Lift. Ein gepflegter Kunstschwätzer belehrt teilnahmslos einen jungen Mann, dass Schepitko im Vergleich zu Tarkowski recht angepasst war.

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