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Der Mann, der das Altmodische liebte

Alle zwei Jahre kann man Genazino lesen

Alle zwei Jahre kann man Genazino lesen

Wilhelm Genazino, der in diesen Tagen, um nicht zu sagen: heute, 70 wird, hat mit dem Alter nicht mehr Probleme als mit der Jugend oder den besten Jahren eines Mannes. Er ist nämlich gesund, wenn auch nicht ohne Übergewicht, er lebt in Frankfurt am Main und geht durch die Stadt. Was er beobachtet, schreibt er mit dem Bleistift auf kleine Karteikarten, er schätzt den Bleistift wie alles Altmodische, ein Bleistift kann nicht auslaufen wie ein Kugelschreiber. Genazino besitzt keinen Computer und keinen Fernsehapparat, ich glaube, er hört Musik, und er schreibt auf einer mechanischen Schreibmaschine jeden Tag eineinhalb bis zwei Seiten, die dann nicht mehr korrekturbedürftig sind. So kommt es, dass er jedes zweite Jahr einen neuen Roman von 150 bis 200 Seiten vorlegt, der jeweils den Vorgängern nicht unähnlich ist. Genazino schreitet und sitzt seine Romane aus wie Kohl seinerzeit die innen- und außenpolitischen Probleme. Dass einer wie er den Büchner-Preis erhielt, mutet sonderbar an. Genazino ist der Anti-Büchner, der Nicht-Revolutionär. Was der Mensch meint, verbergen zu müssen, wird von Genazino in den Blick genommen und beschrieben. Für ihn ist es existenziell, seine Scham zu überwinden, darin ähnelt er Philip Roth; sonst gar nicht.

Wir fahren nach Pankow über Alexanderplatz, ich lese Genazinos „Wenn wir Tiere wären”, Andrea fragt, wie ist das, ich sage, wie immer, behäbig und selbstbezogen, auch ziemlich pedantisch, lies mal hier, das war eine Stelle, wo Maria dem Erzähler unbedingt die Schuhe putzen will, bevor er zur Beerdigung geht, und er will die Schuhe nicht geputzt bekommen und redet ausführlich über den Unterschied zwischen Schmutz und Staub. „Ich wollte ihr nicht erklären, dass es ein angenehmer metaphysischer Zustand ist, Schuhe bei ihrer fortlaufenden Selbsteinschmutzung zu beobachten.” Der hat doch ’n Knall, möchte man mit allem Respekt zu einem solchen Helden sagen. Anders gesehen: Der Mittelstand und die Mittelmäßigkeit, wie Genazino sie beschreibt, sind mit dem Wort Durchschnitt keineswegs abgefrühstückt, man sollte nicht glauben, mit welchen Facetten diese farblosen Menschen aufwarten können, sie sind keineswegs, wie behauptet, skurril-liebenswerte Antihelden, denen nur der Humor aus ihrer Misere hilft; sie sind Sonderlinge, die sich zu behaupten wissen und an denen manche Frau verzweifeln kann. An den Tieren schätzt Genazino, dass sie kein Glücksverlangen kennen, das macht ihnen das Dasein leichter. Romantische Liebe kommt bei Genazino nicht vor, Sex ist ein Sache des Gebens und Nehmens. Wer zu Gefühlsaufwallungen neigt, bleibt auf der Strecke. So ist auch der Architekt in „Wenn wir Tiere wären” noch nicht einmal ein Antiheld, sondern ein Lebewesen, das wie ein Mann in mittleren Jahren aussieht, Wein trinkt, Tiefgaragen zeichnet, Frauen besteigt, die Reste aus dem Kühlschrank isst und ab und zu eine kleine Betrügerei begeht, einfach, weil er mal die Regeln brechen muss. Das Resultat ist ein Gefängnisaufenthalt, der natürlich auch mit stoischem Gemüt absolviert wird.

Auf Regelverstöße gehen auch die Berufe zurück, die Genazino seinen Gestalten gelegentlich andichtet. Da heißt es an einer Stelle: Von Beruf bin ich freischaffender Apokalyptiker. Es kommt auch der Panik-Berater Dr. Ostwald vor, der Konfliktlockerungsbehandlungen anbietet. Genazinos Welt.

In der stößt man mit einiger Sicherheit auf befremdliche anatomische Details, die man lieber nicht wissen möchte. Etwa: die aufgestülpten Schamlippen der Ehefrau nach der Geburt der Tochter. Der Ehemann, der ihr andeutet, dass das nicht weiter schlimm sei. Die Frau, die gekränkt das Schlafzimmer verlässt.

Genazinos berühmteste Gestalt ist der  Angestellte Abschaffel. Ein Onanist, Bordellbesucher und Kolleginnenbeschläfer. Beobachtet sich selbst, überzieht sein Konto, sucht sein Geschlechtsteil nach Filzläusen ab. Zum Leben braucht er Ideen wie die Luft zum Atmen, aber er hat Angst, dass sie ihm ausgehen könnten, die Ideen, und er dann nicht weiß, wie er die Zeit, die ihm auf Erden gegeben ist, überbrücken soll.

Nie entzündet sich sein Gefühl, nie schwärmt er für eine Frau, nie findet er irgendwas schön an einer, nie ist er Enthusiast. Schließlich setzt er sich im Lokal zu einer, die Margot heißt und geschieden ist, Katholikin, die erst mit dreißig ihren ersten Beischlaf hatte. Abschaffel kann mit ihr reden, das ist das Ungewöhnliche. Sie ist offen und sachlich, sie kennt kein Tabu, sie fragt nach allem, und sie beantwortet alles. Sie bespricht mit Abschaffel, wie sie es im Bett haben will. Es ist eine fast arbeiterliche Liebesbeziehung, Auftraggeber, Auftragnehmer.

Nach Genazinos letztem Buch sind zwei Jahre vergangen, das neue ist im Hanser Verlag angekündigt, es heißt „Tarzan am Main”, Genazino lässt die Stadt, in der er lebt, in kurzen Prosaminiaturen aufleuchten, es wird also dieses Mal ganz anders sein, auch wenn ein Genazino nicht aus seiner Haut kann. Und will.

  1. Joachim Bomann
    Januar 28, 2013 um 8:45 pm

    Das neue Buch „Tarzan am Main” ist übrigens heute, am 28. Januar 2013 erschienen. Die ersten Seiten haben mir sehr gefallen.
    „Eine derart einfühlsame Frage habe ich in eine Bäckerei noch nie gehört.“
    Es sind die bislang ungelesen/ungehörten Sätze weshalb ich die Bücher von Wilhelm Genazino so gerne lese.

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