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Das Unseld-Phänomen

Ich liege des Abends oder des Nacht im Bett und lese den Briefwechsel zwischen Peter Handke und Siegfried Unseld. Es scheint etwas in mir zu existieren, das sich für diese Briefe zwischen Dichter und Verleger über das Schreiben und das Verlegen, über Lust und Frust im Literaturgeschäft und die persönlichen Verhältnisse der Leute nachhaltig interessiert. Seltsam genug. Es fängt an, da ist der sehr geehrte Herr Handke ein frühreifes Genie der Sprache von 22 Jahren, und der sehr geehrte Herr Doktor Unseld freut sich mitteilen zu können, „dass wir nach genauer Lektüre Ihres Manuskriptes uns entschieden haben, Ihre Arbeit in den Suhrkamp Verlag zu übernehmen.”  Zwei Jahre später korrespondieren dann nicht mehr der Sehr geehrte Herr Handke und der Sehr geehrte Herr Dr. Unseld, sondern der liebe Peter und der liebe Siegfried. Und der liebe Siegfried lässt es sich oft nicht nehmen, am Ende der Briefe Libgart zu grüßen oder sich ihr zu empfehlen, Handkes damalige Frau, der liebe Peter ist da weniger ritterlich in Bezug auf Hildegard Unseld, aber des Glaubens, dass sein Verleger auch sein Freund sei, ist er wohl, und Unseld scheint ebenso an die Freundschaft zwischen Verleger und Autor zu glauben. Nur der Leser spürt bald, dass eine solche Freundschaft illusorisch ist und registriert die Enttäuschungen, besonders des hochsensiblen Handke, der das Gras wachsen hört, wenn es um seine Wertschätzung, seine Auflagen, seine Honorare und, ach, um alles geht. Er bekommt sofort die Krise, wenn Unseld einen Satz sagt wie: Bedenke, was der Verlag für dich getan hat. Warum, scheint er sich zu fragen, bedenkt Unseld nicht, was er, Handke, für den Verlag getan hat! Oder wenn Unseld zu Handkes neuem Manuskript sagt: Das Buch wird seine Leser finden. Handke ist fassungslos, ja, deprimiert. Haben nicht alle seine Bücher ihre Leser gefunden? Kann man nicht etwas Substantielles zu seinem Text sagen?

Ich habe die Briefe Unselds zu meinem Erstaunen stets mit Interesse gelesen, Briefe an Uwe Johnson, an Thomas Bernhard, an – was kann tragischer sein – Wolfgang Koeppen. Unseld war nie kurz angebunden, obwohl er ein gewaltiges Arbeitspensum zu absolvieren hatte, und unterm Strich? Unterm Strich bleibt der Eindruck, dass der liebe Siegfried ein unsympathischer Macht- und Erfolgsmensch war, der unerwartet und punktuell auch demütig sein konnte. Er setzte sich unerschrocken, aber nicht unempfindlich den genialisch gemeinen Beschimpfungen der Dichter aus und brachte dann doch mal zwischen den Zähnen hervor, dass er die andere Seite auch gern beschimpfen würde, aber er tat es nicht. Er saß am längeren Hebel. Er verfügte über das Geld, und das waren schon erhebliche Summen, um die es ging, wenn ein Dichter sich ein Haus kaufte oder wenn er den Writer’s block hatte, Jahre lang. Unseld, der die Zahlen kannte und die – so weit es möglich ist – Seelen der Dichter, der unermüdliche Briefe- und Reiseberichtediktierer, der Reisende, der Verschwörungen Ahnende, auch dort, wo es keine Verschwörungen gab, der Auswege Findende –  der Verlag, die Autoren, die Bücher waren sein Leben Tag und Nacht und doch war er auch ein begeisterter Skiurlauber (mit Martin Walser), ein wackerer Vormittagsschwimmer, ein Fastender – es nützte alles nichts, er wirkte später wie ein Mann, dessen Körper kaum steuerbar war, in Venedig fiel er beim Winken von der Treppe und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Auch das Drama um den gleichsam verstoßenen Sohn, es kann nicht ohne Narben ausgegangen sein. Dass er zu jenen Männern zählte, die ihren kahlen Schädel mit einer langen Haarsträhne von der Seite aus bedecken, was die Sache nie besser macht, kann bei seiner Intelligenz schwerlich auf Verständnis stoßen. Handke mokiert sich einmal über eine, wie er findet, einfältige Beschreibung Unselds von Luise Rinser: „Unseld, braungebrannt von drei Ferientagen auf Ischia, schwimmt in seinem Element; ihm ist jede Kraftprobe recht, er siegt spielend; er trinkt, trinkt noch einmal, prostet zu, spießt Krabben vom Teller seiner Nachbarin und, vorne an ihr vorbeilangend, auch hinter ihr vorbeilangend, vom Teller Peter Handkes, kauft einer Blumenfrau rote Rosen ab, wirft jeder von uns Frauen eine über den Tisch hinweg zu, umarmt enthusiastisch und wiederholt Frau Feltrinelli, redet mit seinen großen braunen Händen, verstrahlt bäurische Naivität, und den berechtigten, den unverhohlenen und darum sympathischen Stolz auf eine verlegerische Leistung … ”

Ein Erfolgsmensch, wie er im Buche steht, ein Erfolgsmensch mit allen Folgen, ein Schwerarbeiter im Reich der Literatur, ein Mann der Höhenflüge und Abgründe. Dass er bei einer Frau wie Jeanne Moreau mit seiner dynamischen Aktivität nur schlechte Laune hervorrief, konnte er kaum begreifen. Aber er diktierte es seiner Sekretärin in den Block. Das Leben des Verlegers Siegfried Unseld ist umfassend dokumentiert. Je mehr Text, desto unbeantwortbarer die Fragen.

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