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Alte Kalender

Man kann sie förmlich hören, die Dichter

Man kann sie förmlich hören, die Dichter

Silvester nach zwölf könnte man die alten Kalender von den Wänden nehmen, ein bisschen blättern und die neuen Kalender aufhängen. Für zuletzt kommt diese Idee zu spät, aber dieses Jahresende werde ich das tun, wenn ich’s nicht wieder vergesse. Da war der Aufbau-Literatur-Kalender mit Francoise Sagan und ihrer Katze auf dem Titel. Das tragische Leben der Sagan. Dieses große Prosa-Talent. Der frühe Erfolg, ja, Welterfolg, der ja nicht mehr überbietbar war. Drogen, schnelle Autos, Spielsucht. Unglück mit Männern. Sie sah doch aus wie ein Junge, was mit den Jahren immer schwieriger wurde. Klaus Schlesinger vor einer nachlässig zusammengefügten Mauer, der Fugenkalk quoll überall hervor. Wer schrieb zuletzt so eingeweiht über Berlin wie er? Das jungenhafte Lächeln von José Saramago, noch als er 75 war. Thomas Brasch in der Arbeitskombi scheint 1983 zu wissen, dass auch ihm der frühe Brasch-Söhne-Tod blühen wird. „Ich habe keine Zeile geschrieben./ Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.”, endet das Gedicht „Der schöne 27. September”. Der merkwürdige Blick Heinar Kipphardts, das strähnige Haar, als wäre er ein Bruder Joseph Roths. Eine Collage des hochbegabten und hochgefährdeten Jack Kerouac. On the Road. Der atemlose Roman. Halldor Laxness, der Nobelpreisträger mit der zierlich gestreiften Fliege auf dem kleinkarierten Hemd. Wie perfekt und wie lustig sein Deutsch war! Karl May als Old Shatterhand. Leicht schizo. Die Zeilen von Andreas Gryphius: „Was sind wir Menschen doch! Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,/Ein Ball des falschen Glücks…” Johannes Bobrowski, der in der 15. Kalenderwoche aussieht wie Fernandel als Don Camillo. Irmgard Keun, die Joseph Roth das Trinken abgewöhnen wollte, aber wie man sieht: Umgekehrt wurde ein Schuh draus. „Mein Leben stand – Gewehr bei Fuß”, dichtet Emily Dickinson. Vita Sackville-West und Harold Nicholson vor dem Kamin – das Paar very british. Wolfdietrich Schnurre und Pudel, Herr und Hund, 1983, beide desillusioniert, aber nicht hoffnungslos. John Updike, der es offensichtlich faustdick hinter den Ohren hatte. Ich erinnere mich an eine Erzählung. Der Protagonist betrachtet den stattlichen Leib seiner Frau wie ein Landbesitzer. Gertrude Stein, in Öl gemalt von Felix Vallotton sieht tatsächlich aus wie in „Midnight in Paris”, dem Film von Woody Allen, nur unnahbarer. Strittmatter im Ohrensessel, Foto von Roger Melis. In seinem Regal erkenne ich ein simples Englisch-Deutsches Wörterbuch, zwei Bände Tschechow aus der Rütten & Loening-Edition, Platonows zweibändige Erzählungssammlung „In der schönen und grimmigen Welt” (Verlag Volk und Welt) und Isaak Babels Tagebuch 1920, Friedenauer Presse. Rolf Dieter Brinkmann sieht schon 1969 so zerstreut aus wie ein Mann, der bei einem Autounfall ums Leben kommen kann. Michel de Montaigne in seinen grauen, nun, Strumpfhosen. Die entzündeten Augen von Kurt Vonnegut. Helga Schütz, zerbrechlich und streng. Claire Goll, Frauen, vor denen man sich fürchten könnte. In seinem Garten in Agnetendorf Gerhart Hauptmann, ein alter Mann, der keinen Mut mehr hat. Und der Deutsch-Georgier Giwi Margwelaschwili über einem dicken Buch mit vielen Lesezeichen. Dichter sehen dich an. Sie würden dir jede Frage beantworten.

Man könnte einiges zu tun haben in der Silvester-Nacht.

Ich sage nur noch, dass wir zwei Kalender auch 2013 hängen lassen, obwohl sie lange abgelaufen sind: „Baumriesen 2008” von James Balog (Frederking und Thaler) und „Gabriele Münter 2009” (Korsch Verlag). Wenn man sich von etwas nicht trennen kann, dann soll man sich dazu bekennen.

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