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Nebel ist Leben

On the way to kreuzberg

On the way to Kreuzberg

Am Sonnabend müssen wir nach Kreuzberg, in die mir wohlbekannte und gleichwohl rätselhafte Ritterstraße, wo in der so genannten Akademie für Illustration und Design die Ausstellung „Alois Nebel. Leben nach Fahrplan” gezeigt wird. Alois Nebel ist eine Gestalt, die des Fußballnomaden böhmischer Bekannter oder Freund, der Genosse Rudis, wie der Nomade Jaroslav Rudis jovial nennt, erfunden hat. Nebel ist Eisenbahner, Fahrdienstleiter, der über seinen alten Fahrplänen, die er auf dem Klo studiert („der Blitz soll dich beim Scheißen treffen”, sagte man früher gern1), und über den Erinnerungen an Züge, die nach Auschwitz fuhren, und Vertriebenenschicksale, die aus den Nebeln auftauchen, aber auch über der Wendewirklichkeit, die ihn die Arbeit kostet, in die Sackgasse gerät. Alois Nebel ist inzwischen im Altvatergebirge durch Graphic Novel und Film unglaublich bekannt geworden und bereits in die Realität eingedrungen, zu der er an sich nicht gehört. Mit der himmlischen Ruhe der Einheimischen ist es dort vorbei. Viele Touristen bereisen wegen des inexistenten Alois Nebel die romantische Bahnstrecke an der tschechisch-polnischen Grenze. Bahnhöfe tragen schon die Namen aus der Graphic Novel, etwa Bily Potok, zu deutsch Weißbach.

Schöpfer und Gestalt. Links Jaromir, rechts Rudis, Mitte Nebel

Schöpfer und Gestalt. Links Jaromir, rechts Rudis, Mitte Nebel. Darunter Weißwein.

Alois Nebel ist halb Tscheche, halb Deutscher, sagt Rudis. Nebel, verkehrt herum gelesen, ergibt das Wort Leben. Zu jedem Bahnhof gehört eine Bahnhofskneipe, fährt Rudis fort. In den Nebeln des Altvatergebirges tauchen die Geister der Vergangenheit auf, bedrängen Alois Nebel, und er wird langsam wahnsinnig, sagt Rudis, aber er sagt es so, als sei der Wahnsinn etwas Gutes, zumindest Ambivalentes. (Er sagt ja über seinen Großvater, der Eisenbahner war wie der Vater, ebenfalls, dass der wahrscheinlich langsam wahnsinnig wurde. Heißt das allgemein, dass, wer sich zu sehr auf die Bahnen einlässt, langsam wahnsinnig wird?) Neben Rudis sitzt Jaromir 99 oder Jaromir Svejdik, der Alois Nebels Abenteuer und Alpträume gezeichnet hat. Er hat auch den Animationsfilm gezeichnet und alles in allem mit Alois Nebel fünf Jahre zugebracht. Jaromir, sagt Rudis, zeichnet jetzt Kafkas Schloss, um sich von Alois Nebel zu befreien. Das erregt Heiterkeit. Man befreit sich mit Kafka von einem dämonischen Fahrdienstleiter. Das sind die Nebel des Altvatergebirges, sagt Rudis und zeigt auf die an die Wand projizierte Fotografie. Wenn Rudis spricht, breitet sich im Saal wetterfeste böhmische Melancholie aus. Zwei Weißweingläser stehen vor den beiden Protagonisten, die zügig geleert werden, und dennoch immer gefüllt sind.

… und wird langsam wahnsinnig

… und wird langsam wahnsinnig

Viele Selbstdarsteller sind gekommen, die allein erziehende Mutter, die verzückt registriert, wie das Kleinkind eine fettige Pizza knetet und die Veranstaltung zerkräht, was aber nicht weiter schlimm ist, weil hinter einem Paravent sowieso hörbar irgendwelche Bewerbungsgespräche geführt werden. Das alles ist Demokratie, oder besser noch Basisdemokratie. Eine straff organisierte Veranstaltung sieht anders aus, aber mit einer solchen könnte man nicht dieses hohe Maß an Beiläufigkeit erreichen.

Im tschechischen Kulturzentrum in der Wilhelmstraße wurde im Anschluss weiter über Nebel gesprochen. Vor seinen mythischen Zeichnungen des Altvatergebirges produzierte Jaromir 99 mit seiner Band Priessnitz strammen, gleichwohl philosophisch eingefärbten Rock. Das Haus war überheizt und überfüllt. Auch hier war der Geist der Beiläufigkeit spürbar. Im Foyer wurde an einem Tisch Absinth ausgeschenkt. Die Absinthtrinker hingen am Absinthtisch wie die Fliegen an einem dieser klebrigen Fliegenfallenstreifen aus unserer Kindheit. Ich trat an den Tisch mit dem böhmischen Bier heran, zückte mein Portemonnaie und bat um ein Staropramen. Der Büffetier lächelte fein und schüttelte langsam den Kopf. Was? Der wollte mir kein Bier geben? War was mit mir? Warum, fragte ich. Ist heute gratis, sagte der Mann und lächelte erst recht. Meine Güte. Ich nahm ein Bier, es war sogar kalt, und dankte.

Okay. Wo es etwas umsonst gibt, zumal Absinth und böhmisches Bier, muss es zwangsläufig verdammt voll sein. Ebenso zwangsläufig, dass da nicht nur die richtigen Leute vor Ort sind. Vielen waren die Nebel, der Fahrdienstleiter Alois Nebel sowie das Altvatergebirge total egal. Sie schluckten ihr Bier, fuhren mit der Zunge in die kleinen Absinthgläser und arbeiteten mit am Geist der Beiläufigkeit. Ehe wir langsam wahnsinnig wurden, verließen wir das Haus und stiegen in den U-Bahnschacht. An uns war Alois Nebel nicht spurlos vorübergegangen. Die Bilder verfolgen uns, die böhmische Melancholie.

[1] Heute würde man sagen: Der Blitz soll dich beim Fernsehen treffen. Es geht halt immer um etwas, bei dem man ungern gestört wird.


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