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Wer zuviel weiß, wird verrückt

All that can run

All that can run

Ich sah erst, als ich wieder zu Hause war, was ich angerichtet hatte. „Was Du hier in Händen hältst sind revolutionäre Technologien, die den härtesten Tests Stand hielten.” Ich meine, ich würde manches anders schreiben, was Grammatik und Orthographie betrifft, in der Sache selbst möchte ich mich nicht äußern. „Jahrelange Forschung zu Passform, Laufverhalten, Komfort und Biomechanik steckt in diesem Laufschuh.” Ja, es geht um nicht mehr und nicht weniger als einen Laufschuh. Man kann um alles einen Kult machen, ich sage, wenn schon, denn schon, und habe nichts dagegen. Das ist ja der Sinn von Weihnachten. Man kauft sich etwas auf der Basis eines Gutscheins, was man sich sonst nicht leisten würde. Aber normalerweise wären mir diese top ausgerüsteten Läufer, die sich vor lauter Hightech kaum bewegen können, nichts.

Wir waren zu zweit. Unsere Laufschuhe waren uralt, meine wiesen gar ein Loch in Höhe des rechten großen Zehs auf. Die junge Brillenträgerin, die uns bei Runner’s Point im Alexa, nun, verhörte, befragte, aufs Laufband schickte, das aufgenommene Videoband mit uns analysierte, lächelte mit leichtem Spott über unsere alten Gurken. Sie stellte fest, dass Julia ein wenig nach innen läuft und einen Stabilitätsschuh benötigt. Meine Laufhaltung ist ziemlich gerade, die Sprunggelenke stehen gut, die leichten O-Beine sind für Männer normal. Ein, sozusagen, neutraler Schuh ist für mich geeignet. Man weiß, dass man sich für einen neuen Laufschuh Zeit nehmen muss und stellt sich darauf ein. Bringt Geduld mit. Probiert drei Paar Schuhe, zweifelt, wechselt, geht, läuft. Nach einer Stunde hatten wir’s geschafft. Entschieden uns, ohne es zu wissen, für die gleiche Marke, Julia für das Modell Adrenaline, ich für Ghost 5. Am Rande hatte ich mitbekommen, dass sie mit der, ich sage es ohne Ironie, glänzend präparierten und sehr souveränen Verkäuferin auch über Arbeitsbedingungen bei den Herstellern tuschelte. Für mich in dieser Situation etwas zu viel Problembewusstsein. Und nun sagte sie mir, dass die Schuhe, die wir gekauft hatten, schon in zweihundert Jahren biologisch abgebaut wären, während die anderen, verschmähten, tausend Jahre benötigten. Toll. Andererseits: Mit den verschmähten Schuhen könnten, nachdem wir sie ausrangiert hätten, Leute in ärmeren Ländern ja noch viel länger laufen. Man darf das alles nicht zu ernst nehmen.

Beim ersten Lauf mit den neuen Schuhen hatte ich das Gefühl, meine Füße würden getragen. Nur das zählt. Ja, aber wie? Verwöhnt man seine Beine nicht? Verlangt man den Muskeln, Sehnen und Gelenken nicht zu wenig ab? Erzieht man sie nicht zur Bequemlichkeit?

Neuerdings wird der sogenannte Barfuß-Schuh angeboten, der uns die natürlichen Anforderungen zurückgeben soll.

Ach. Wer zuviel weiß, wird verrückt.

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