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Ein Mann geht in den Ruhestand

© Fritz-Jochen Kopka

Noch ein paar Gestalten, die inzwischen im Ruhestand sind

Die Vergangenheit verabschiedet sich, und von der Gegenwart weiß man nie so richtig, wie gegenwärtig sie wirklich ist, denn eben war sie noch Zukunft, und schon ist sie vergangen, und dazwischen ist für die Gegenwart einfach nicht viel Platz. Sie ist das Flüchtigste, was wir kennen, aber auch das Einzige, was wirklich zählt. Der Moment. Der Moment, in dem wir handeln können. Nicht Erinnerung und nicht Vorahnung.

Christian Bienert, der Moderator und Macher des Musikalischen Sonntagsrätsels auf Deutschlandradio, ist in den Ruhestand getreten. Das erscheint insofern absurd, als das Musikalische Sonntagsrätsel ein Synonym für Ruhestand zu sein schien. Die Sendung gehörte auch zu unseren Sonntagen. Das späte Frühstück. Die Sonntagszeitung. Die Schrippe. Das Rätsel. Es konnte nicht ausbleiben, dass man familiär wurde. Wir nannten ihn, der uns ansprach, Biene oder den Schleimer, wobei das eine nicht plump-vertraulich und das andere nicht böse gemeint war. Aber Christian Bienert war eben so überaus verbindlich in seiner Sendung, so höf- und ritterlich, so altfränkisch und onkelhaft, dass dafür einfach kein treffendes Wort auffindbar war, und so verwendete man eben ein falsches, das aber immerhin eine Richtung angibt. Er machte die Sendung 25 Jahre und hatte sie von Hans Rosenthal übernommen, seinem Herrn und Meister. Bienert sagte mit großer Hingabe immer dasselbe, der Anteil der Wiedererkennbarkeit lag bei 90 Prozent. Er war hoffnungsvoll altmodisch. Es kommt, das war etwa der Standardtext, ein Sänger von früher, und dann sollte man erraten, wie der Sänger hieß oder wie sein richtiger Name war oder wo er geboren wurde oder wo er starb. Das Wort „früher” hatte bei Bienert immer einen guten Klang, den edelsten, den man sich vorstellen kann, er wartete oft mit einem Archivschätzchen oder einem Riasschätzchen auf, das waren dann Lieder meistens mit Berliner Schnauze vorgetragen, die nicht aufhören wollten, Strophe auf Strophe. Man konnte sich gut vorstellen, wer alles sich in den seligen Zeiten beim Rias eine goldene Nase verdient hatte. Eine zweite Spezialstrecke Bienerts waren verjazzte Volks- und Kinderlieder. Er wurde nicht müde, seine, wie er sie nannte, Lieblinge immer wieder einzusetzen, so dass natürlich auch des Rätsels Lösung mehr Gedächtnisübung- als Denkarbeit  war. Man nannte ihn ein sympathisches Radiofossil, einen Anachronismus und verwies nicht zu Unrecht auf seine Therapeutenstimme.

Einmal habe ich ihn unvermutet kennengelernt. Er erläuterte mir in der Rias- bzw. DRadio-Kantine die Bedienung des Kaffeeautomaten. Damals interessierte er sich gerade für den Reim in der Dichtkunst, und ich wies ihn auf einen Essay von Peter Rühmkorf hin, der ein großer Kreativer des originellen, unerwarteten Reims war. Der Moderator zeigte sich auf geradezu enthusiastische Weise animiert. Als Bienert den Tisch verließ, klärten mich die Rundfunkkollegen auf. Das war also der Mann, der das Musikalische Sonntagsrätsel machte. Man sprach mit großer Hochachtung davon, dass er noch mit Schreibmaschine und Stoppuhr arbeite und die Minuten zwischen den Musikstücken exakt mit seinen Moderationen zusprechen könne, auf den Punkt.

Jetzt hat er also einen Nachfolger. Ob das Musikalische Sonntagsrätsel ohne ihn für uns noch einen Wert hat, ist nicht gewiss. Die Vergangenheit ist nicht tot. Aber vergangen ist sie schon, verdammte Axt.

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