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Gisbert, den wir nicht vergessen

Keine Ahnung, ob dieser Münchner ein besonders guter Tatort war („Der tiefe Schlaf”, Titel geborgt bei Raymond Chandler, why not), er war auf jeden Fall ein besonders guter Film, jenseits der Gesetze einer Reihe, kein Zweifel daran.

Wieder werden die Hauptkommissare Batic und Leitmayr (Ivo und Franz) im Job ihres Missvergnügens von einem übereifrigen Berufsanfänger genervt. Ihr Chef schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe und reibt sich die Hände. Einerseits beseitigt er die beklagte Personalknappheit in der Mordkommission und zum anderen piesackt er die spröden Kommissare mit diesem Gisbert Engelhardt (großartig ausgedacht, dieser Name): vier Jahre Bundeswehr, Technikfreak und hauptsächlich Nervensäge. Wie sollte er auch nicht enthusiastisch sein: Plötzlich ist er Detektiv, hat eine große Karriere vor sich, wird Verbrechen aufklären und die Menschheit beglücken. Zudem hat er als Technikfreak etwas einzubringen, was die altgedienten Polizisten nicht bieten können. Und so entdeckt er auf dem Mitschnitt des letzten Telefongesprächs des Opfers ein Atmen, ein Räuspern, ein Hecheln des Täters. Gisbert ist euphorisch, der zuständige Beamte macht den Scheibenwischer. Der Kerl ist verrückt.

Wo immer es eine falsche Spur gibt, Gisbert Engelhardt findet sie und sprintet los, um jedes Mal eine lächerliche oder gefährliche Situation heraufbeschworen zu haben. Die erstaunten Kommissare weiht er in seine ganz eigene Welt ein: Ich habe einen sehr, sehr guten Instinkt. Und ich habe am Ende immer recht. Bei der Obduktion kippt er aus den Latschen und wundert sich: Ich bin eigentlich sehr leichenfest.

Er ist ein großer Fingertrommler, Fensteraufreißer und Ideenhaber. Leitmayr reagiert genervt, Batic mit väterlicher Güte, was vielleicht noch kränkender ist. Wenn er in seinem Eifer wieder Mist gebaut hat, schlägt Gisbert vor, am Abend eine Hopfenkaltschale zu trinken. Und erläutert: Hopfenkaltschale – das ist ein Bierchen.

Die Hauptkommissare wollen den jungen Enthusiasten loswerden, aber der erkämpft sich eine letzte Chance und wird auf dieselbe brutale Weise ermordet wie das erste Opfer. Das ist der große Bruch in diesem Film Von da an ist nichts mehr, wie es war. Für Leitmayr, für Batic und auch für uns, die Zuschauer. Es kann niemanden geben, der nicht untröstlich ist. Und wie recht wir alle damit haben. Wie konnten wir es zulassen, dass dieser letzte arglose Enthusiast, dieser reine Tor aus dem Leben gerissen wurde! Warum haben wir über ihn gelacht! Warum haben wir ihn nicht anerkannt, seine Fähigkeiten nicht geschätzt, warum nur, warum! Weil wir uns daran gewöhnt haben, in einer zynischen Welt zu leben. Jetzt sehen wir erschüttert, dass dieser Gisbert sich ständig fotografiert hat, als müsse er sich selbst auf die Spur kommen, wir sehen diese großen Augen voller Fragen, voller Hingabe und können uns nicht entziehen. Es bleibt nur ein Trost. Engelhardt hat ein Vermächtnis hinterlassen. Der tief deprimierte Leitmayr erkennt das Atmen, das Räuspern, das Hecheln des Täters wieder, das Engelhardt aus dem Mitschnitt herausgefiltert hat. Der Täter wird gestellt. Sein Gesicht sehen wir nicht. Wir haben uns auf ein anderes Gesicht zu konzentrieren.

Fabian Hinrichs hat die Rolle des Gisbert Engelhardt auf unvergessliche Art gespielt. Nie werden wir in Zukunft einen Münchner Tatort sehen können, ohne bedauern zu müssen, dass er oder der junge Mann, den er spielt, nicht mehr dabei ist.

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