Startseite > Berlin > Ich kann IKEA nicht böse sein

Ich kann IKEA nicht böse sein

Dank Christo: In Berlin wird wieder kunstvoll verhüllt. Nicht immer finden sich attraktive Objekte

Dank Christo: In Berlin wird wieder kunstvoll verhüllt. Nicht immer finden sich attraktive Objekte

Bis 14 Uhr gehört der Supermarkt den Rentnern. Sie zeigen das sehr deutlich, kaum dass sie Jüngere dulden mögen auf ihrem Terrain.

Arzttermin. Der Tag ist gleich mal versaut. In der Tram zwei Jugendglatzköpfe, die auch mitten im harten Winter nicht ohne, ich sag mal: modische, Sonnenbrille im Haar auskommen, der blendende Schnee liefert das Alibi. Der Hals ist dicker als der Kopf. Im Wartezimmer sitzt das Alter und hofft auf Zuspruch und Rezepte. Außerdem ein schüchterner Jüngling, ein aufgeweckter Geschäftsmann, der, wenn er nicht gerade quatscht, seinen Terminkalender durchforstet, und ein kultivierter Schöngeist, der Karten für das Schlossparktheater an die Schwestern verteilen möchte. Eine ältere Dame, deren Mutter im Krankenhaus liegt und niemanden mehr an sich ranlässt. Sogar die Insulinspritze lehnt sie ab. Ob nicht Frau Doktor da was machen kann. Der Fall verlängert die allgemeine Wartezeit. Ultraschall, EKG, Blut, Urin. Vorerst keine Befunde. Später stellt sich heraus, dass der Natriumgehalt zu niedrig ist. Mehr Salz. Wat denn, wat denn! Soll man jetzt das Salz mit dem Esslöffel reinschaufeln? Das kann doch auch nicht gesund sein. Anschließend IKEA Landsberger Allee. Erstmal ins kantinenartige Restaurant. Köttbullar oder so ähnlich, Fleischbällchen, Kartoffelpüree und Preiselbeeren. Essen wie die Schweden. Ein älterer Herr erläutert allen Unberatenen die Bedienung der Kaffee-Automaten, er ist als Anwohner wohl jeden Tag bei IKEA und stolz, dass ihn die Mitarbeiter bereits grüßen. Immer gesellig hier, seit IKEA da ist. Große Familien ziehen durch das weiträumige Gebäude, ich nehme an, dass sie die Familiencard besitzen und von etlichen Vergünstigungen profitieren. Im schwedischen Duz-Sound wird dem Besucher das Verhalten in der IKEA-Welt nahegebracht. Lauter brüder- und schwesterliche Aufforderungssätze. Ich finde zwei Lampen. Erkundige mich, um nicht die falschen Glühbirnen mitzunehmen. An den Kassen stellt sich heraus, dass die Familien ein buntes Chaos an Waren in ihre Wagen gelegt haben, völlig unstrukturiert. Ich gestehe, dass ich IKEA aus mir nicht zugänglichen Gründen nicht übelnehmen kann, dass sie früher ihre Möbel auch von DDR-Häftlingen anfertigen ließen. Fertig.

Immer noch entdecke ich an meinen Wänden die Spuren erschlagener Mücken.

Der Schnee bringt es an den Tag. Das Wäldchen zwischen Siedlung und Trabrennbahn, am Rande der Wuhlheide, ist weniger idyllisch, als wir dachten. Überall im Schnee zeichnen sich gelbe Urininseln ab, meine Güte, besteht diese Welt nur noch aus Hunden?! Und haben diese Hunde nichts anderes in der Birne, als sich auszuschiffen?  Außerhalb des Winters sehen wir diese Flecken nicht, aber sie sind da. Was atme ich da für eine Luft ein beim Joggen? Früher hausten gleich hinter dem Wäldchen die Russen. Ja, wir sind hier in Berlin-Karlshorst. Vielleicht gab es deshalb so viele Birken. Kann sein, dass die Russen Schößlinge und Samen mitgebracht haben, damit sie sich ein wenig zu Hause fühlen. Das Birkenwäldchen. Als die Russen, nach der deutschen Vereinigung und dem endgültigen Ende der Nachkriegsperiode, nach Hause gingen, sollen sie noch habvolle Kaffeetassen zurückgelassen haben. Halbvolle Wodkaflaschen eher nicht. Aber Haustiere, die verwilderten oder auch nicht. Ein Aufbruch ins Ungewisse ist letzten Endes immer überstürzt. Die Birken werden mehr und mehr zurückgedrängt. Die Forstleute schätzen, glaube ich, die Birke nicht. Nun haben wir also kein Birkenwäldchen mehr, sondern ein Pisswäldchen.

Kategorien:Berlin Schlagwörter: , , ,
  1. Dezember 22, 2012 um 4:48 pm

    Während der erste Absatz eher beobachtend, beschreibend und sogar oder gerade dadurch sehr menschlich wirkt, ist der zweite Absatz indirekt durch Sprachwahl oder direkt im Wortlaut recht wertend aufgebaut. Der erste Absatz gefällt mir besser. 🙂

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: