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Glücksschnee

Man kann das Lächeln jetzt ist sehen, aber es ist da, ich schwöre es

Man kann das Lächeln hier nicht sehen, aber es ist da, ich schwöre es

Man kann jetzt dreimal am Tag Schnee schieben. Diese Möglichkeit hat man uns verschafft. Man kann an den Satz von Camus denken, den Aufschneider so gern im Munde führen: Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen. Danach folgt gleich die Plattitüde von der Poesie des Scheiterns.

Man ist an der frischen Luft. Schlitten ziehen vorbei, gezogen von Müttern, die pauschal ein Lächeln im Gesicht haben. Die Kinder werden gezogen und sagen den Leuten im Vorbeifahren ein Hallo. Was bedeutet es einem Kind, auf dem Schlitten zu sitzen? Ich muss nicht laufen, ich werde gezogen? Meine Mutter ist meine Sklavin? Ich sitze auf dem Schlitten, es ist eine halbe Heldentat, der Schlitten kann umkippen?  Jedenfalls scheinen alle glücklich zu sein im frischen Schnee. Die Lokaljournalisten berichten, dass sich schon viele Leute die Knochen gebrochen haben, weil die Gehsteige – trotz einer neuen, eindeutigen Verordnung – nicht oder nur schlecht geräumt werden. Diese Leute haben einfach keine Ahnung. Wenn das Wetter entsprechend ist, werden die Wege nie wirklich stumpf sein. Da nützt auch kein full-time-job. Ein Mann geht vorbei und sagt, das sind die Flächen, die dann zuerst vereisen. Er ist Sachse, und ich möchte hier seinen Dialekt nicht nachäffen, denn wahrscheinlich hat er recht, wie Sachsen häufig recht haben, es wird nur nicht anerkannt wegen ihrer Sprache. Diese geräumten Flächen werden vereisen und dann erst so richtig glatt sein. Der Schnee schützt die Steige vor dem Eis. Eigentlich. Wir haben es hier mit einem Kapitel Sinnlosigkeit zu tun. Sind wir ja gewöhnt. Der Mann vom Winterdienst sagt, dass sein Chef ihm aufgetragen habe, keine neuen Kunden mehr anzunehmen, aber da er hier sowieso vorbeifahren muss, kann er den Schnee auch beiseite schieben. Eine solche Haltung wiederum macht durchaus Sinn, denn der Bürger wird sich wohl erkenntlich zeigen. Das Wäldchen hinter der Straße ist jetzt ein vorbildlicher weißer Winterwald. Romantisch. Von den Kleingärtnern fehlt jede Spur. Unsere zwei Großstadt-Rehe habe ich lange nicht gesehen. Die Lauben sind winterfest gemacht. In welche Richtung man auch läuft oder mit dem Fahrrad fährt: Der Schnee wirbelt einem immer direkt in die Fresse. Das ist ein Phänomen. Und wenn du fertig bist mit dem Schneeschieben, schneit es stärker als je zuvor, und die Frage der Sinnlosigkeit stellt sich erneut.

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