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Berlin Alexanderplatz (3): Brutale Tauben

Am Alexanderplatz sind sogar die Tauben brutal. Die Bahnen zeigen Verspätungen an. Alles will raus. Alles will rein. Im Untergrund haben sich Straßenkids und ihre Hunde niedergelassen auf einer Insel von Abfall. Die Ordungshüter stehen daneben und versuchen zu kontrollieren, was zu kontrollieren ist. Mehr als ein Versuch kann es nicht sein. Hände weg von die Menschen.

Die Tauben (Friedenstauben? Ratten der Luft?) stürzen sich aus der Höhe hernieder und drehen erst kurz, bevor sie dich vergiften können, ab. Ganz richtig. Am Alexanderplatz vergiften nicht die Menschen die Tauben, sondern die Tauben die Menschen. Tendenziell jedenfalls. Vor dem Bahnhof wollen dir aufgeregte junge Menschen Zettel in die Hand drücken. Du sollst was unterschreiben. Du sollst was abonnieren. Du sollst spenden. Du sollst die Musik dieser lateinamerikanischen Formation anhören und ihre CD kaufen. Du sollst eine russische Fellmütze kaufen, die man heute wohl nicht mehr Bärenfotze nennt wie früher, als die Leute noch ein ungewascheneres Maul hatten als heute. Du sollst dich in den Kaufhof spülen lassen oder in den Saturn. Du sollst dein verdammtes Geld ausgeben, wogegen du im Prinzip nicht hattest, aber sowie du diese Häuser betrittst, vergeht dir die Lust. Du kaufst nur das, was du unbedingt brauchst. Heute Druckertinten. Wohlthats billige Bücher gibt es nicht mehr. Mir auch egal.

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde

Als ich das letzte Mal hier war, haben sie den Rest vom Oktoberfest weggeräumt. Ja. Sie haben versucht, auf dem Alexanderplatz ein irgendwie Münchner Oktoberfest zu feiern. Der Alexanderplatz – ein Ort für Versuche. Auf der Freilichtbühne spielte eine bayrische Combo, stämmige Burschen, die um einen feucht-frivolen Scherz zu keiner Sekunde verlegen sind. Sind Sie musikalisch? – Doch, wenn’s sein muss. Zu Füßen der Bühne tanzte ein glückseliger Stromer einen zahnlosen, gleichwohl fröhlichen Tanz. So lange die Musi spielt, leben wir noch. Wo soll ick armer Deibel hin. Die Leute tranken ihre Maß und mischten ihre Gefühle. Das Leben ein Traum. Das Leben ein Albtraum. Gleiche Stelle, andere Welle. Weihnachtsmarkt. Glühwein und Grünkohl mit Knacker. Hab ich schon die Geschichte, noch aus DDR-Zeiten, erzählt, wie die zu ihren PKW eilenden Weihnachtsmarkt-Besucher ins Röhrchen pusten mussten? War aber alles okay. Moment mal, sagte ein Fahrer. Ich hab doch hier, zu meiner Schande muss ich’s gestehen, zwei Gläser Glühwein getrunken. Der Kiosk wurde geprüft. In dem Glühwein war alles Mögliche. Bloß kein Wein. Franz, du bist ein Waschlappen, das lass ich mir nich nehmen.

An einem Freitag im Frühling oder Frühherbst sah ich Gregor Gysi auf dem Alexanderplatz. Gegenüber der Weltzeituhr war eine kleine Bühne aufgebaut. Viel mehr Zuhörer als der Sänger Johnny Jukebox hatte Gysi nicht, aber die meisten von ihnen trugen rote Fahnen, und keiner legte ihm Geld vor die Füße. Im Gegenteil, Gysi meinte, dass die Reichen und Gutverdienenden, zu denen er sich auch zähle, mehr Steuern zahlen sollten. Wenn ich es richtig sah, stand Gysi nicht, sondern saß, und er deklamierte und schrie nicht, wie es Wahlkämpfer eigentlich tun, sondern plauderte. Am Rand des Geschehens Unterschriften- und Spendenjäger, die mit großen Sprüngen auf die potentiellen Opfer zusteuerten, das sollte wohl Heiterkeit und Dynamik signalisieren. Eine junge Frau stillte ihr Baby.  Alles war dabei in Gysis moderaten Wählerworten, Finanzkrise, Mindestlohn, Libyen, Afghanistan, Syrien, Freiheit und Mauer. Die Mauer, sagte Gysi, sei ein Skandal gewesen, irgendwo anders sagte er, die Mauer war Mist, so wie Franz Müntefering sagte, Opposition ist Mist. Solche Äußerungen sind natürlich billig zu haben. Sie kosten gleichsam keinen Cent. Deshalb bedeuten sie auch nichts. Die Mauer ist nun mal gebaut worden und stand achtundzwanzig Jahre zwischen Berlin und Berlin. Es wäre natürlich grandios gewesen, wenn die feindlichen Systeme auf diesem begrenzten Raum miteinander hätten agieren können, abenteuerlich, aber friedlich. Meine Ferien damals waren dazu da, aus der Kleinstadt zu kommen und Berlin anzusehen, die eine und die andere Seite, Friedrichstraße und Kudamm, Schöneweide und Wannsee, aber so vornehm waren die Systeme eben nicht, dass sie diese Situation aufrechterhalten hätten, man muss die ganze Geschichte erzählen. Die Linkspartei wirkte müde und ratlos, aber das ist ja das Schicksal aller Parteien, das Geschrei soll nur darüber hinwegtäuschen.

Heute kann man nicht über den Alexanderplatz gehen, ohne an den Toten zu denken. Der junge Mann, der betrunken war, hilflos, und zu Tode geprügelt wurde. Und danach: Wieder gab es eine Schlägerei, und wieder eine. Wir sollten nicht glauben, dass wir in einer besseren Welt leben als Franz Biberkopf. Die Romantik ist weg und kommt nicht wieder.

Kursive Zeilen aus „Berlin Alexanderplatz” von Alfred Döblin

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