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Jung und arm in der Großstadt

Die Faszination kahler Flächen. Im Rücken des Alexanderplatzes.

Die Faszination kahler Flächen. Im Rücken des Alexanderplatzes.

Finde bei Philipp Blom („Das vernünftige Ungeheuer”, Diderot, d’Alembert, de Jaucourt und die Große Enzyklopädie aus der Anderen Bibliothek) einen Satz, der mir gefällt: Jung und arm in der Großstadt zu leben hat seine eigene Mythologie, seine Literatur, seine Helden und Heldinnen.

Dann zitiert er Mercier: Kaum ein berühmter Mann, der nicht in einer Mansarde begonnen hätte.

Mansarde und Souterrain – das sind die magischen Orte.

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Wir verpassen den Regionalzug und landen im Pendelverkehr, das ist das typische Wochenende der S-Bahn. Ein weißhaariger Sachse regt sich mächtig auf, dass die nichts auf die Reihe bekommen, dass sie es einfach nicht hinkriegen bei der S-Bahn, dass sie die Blödesten von ganz Europa sind. Ein junger Rumtreiber verbeugt sich vor dem Sachsen, weil der ihm aus der Seele spricht. Ich würde lieber sagen, geh doch zurück nach Sachsen, wenn es dir hier nicht passt. Dreimal müssen wir außerplanmäßig umsteigen, und je näher wir der Stadtmitte kommen, desto mehr befinden wir uns in durcheinander gewirbelten Menschenströmen, die meisten wollen was erleben, viele wollen einfach nur ihr Ziel erreichen und die Touristen wissen nicht mehr, was hinten und vorne ist.

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Beim Bäcker an der Ecke. Die ungeduldige Alt-Berlinerin (Sie hat keine Zeit. Sie ist Rentnerin.) hinter mir ist endlich an der Reihe und sucht Brötchen aus, ist aber nicht zufrieden. Gestern Abend hatten sie noch andere, sagt sie vorwurfsvoll. Dann müssen sie eben gestern Abend noch mal wieder kommen, sage ich unvernehmbar. Ich will ja nicht, dass ihre Empörung doch noch laut wird.

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Auf Twitter ist die ganze Bosheit der Menschheit versammelt. Benjamin Biolay, Spiegel, 45/2012

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Meine Beine liefen sich heute viel besser als gestern.

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Vor der Rente war die Rentnerin Rentenberaterin. Ein Leben wie aus einem Guss. Zwei Ehen, zwei Hunde. Die Frau stammt aus Berlin, hat am selben Tag Geburtstag wie Willy Brandt und ging nach Hannover der Liebe wegen. Hat Haare uff’n Zähnen. Daran scheiterten wahrscheinlich auch die Ehen. Schlagfertig aber nicht witzig. Zuviel Selbstbewusstsein, würde ich sagen, Gewinnt 64 000 € bei Jauch. Er bewahrt sie davor, auf 16 000 zurückzufallen. Nach einigen zufällig richtigen Antworten hält sie sich für erleuchtet.

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Nelson Müller. Das ist der schwarze Koch, der wirklich eine gute Atmosphäre an den Herden herstellen kann.

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Moderatorin Brink war anscheinend in Amerika. Nun sitzt sie wieder im Deutschlandradio. Sie moderiert nicht, sie spricht nicht, sie schnurrt wie ein Kätzchen. Die raue Schale Amerikas hat nichts genützt. Dass sie selber nicht mitkriegt, wie sich das anhört, kann ja sein. Aber warum spricht im Sender keiner mit ihr.

Der Sprecherjob im Radio ist der allergewöhnlichste, aber auch ein ziemlich problematischer. Man hört es jeden Tag. Die eine knödelt, was das Zeug hält, die andere bevorzugt alle Malen einen lauernden Ton, als habe sie investigativer Weise stets noch eine Enthüllung im Hinterkopf. Um zu zeigen, wie gut gelaunt und locker man drauf ist, wird auch mal fraternisierend gelacht, wo es kaum was zu lachen gibt. Eine nicht unwesentliche Rolle unter den Sprecherinnen spielt die Tröstende, also die Moderatorin, die doch stark den Eindruck erweckt, als müssten sie die Hörergemeinde angesichts der Weltlage, der Finanzkrise und auch kleinerer Dilemmata unentwegt trösten und sehe sich auch durchaus dazu in der Lage. Unter den Sprechern sind die Weichspüler häufig, die uns mit warmen Worten abfinden. Es wäre indes falsch, hier nicht die Leute zu erwähnen, meistens Frauen, die ihren Job sehr gut machen. Sie reden normal (ungekünstelt) und geradeaus, wissen,wovon sie reden, ohne damit zu renommieren.

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