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Mein Senf zur Zeitungskrise

In der Zeitungskrise bekommen auch jene Zeitungsleute kalte Füße, die glaubten (oder noch glauben) im Trocknen zu sitzen. Qualitätszeitung, kluger Kopf usw. Die „Zeit” fragt die (angeblich) wichtigsten Medienmanager, was man in den vergangenen fünf Jahren falsch gemacht habe. Man könnte antworten: Das, was wir in den fünf Jahren davor und den fünf Jahren davor auch schon falsch gemacht haben – bloß da schlugen die Fehler nicht zu Buche. Da glaubten die Leser noch an die Zeitung und die Bosse meinten, dass ihre Anzeigen den Konsum befördern. Und das Geld, das sie dafür ausgaben, tat ihnen nicht weh. Die Leute waren stolz, Spiegel-, oder SZ- oder FAZ-Leser zu sein und dachten, dass bringe sie karrieremäßig nach vorn. Oder sie lasen trotzig die taz oder anders-trotzig das ND. In den Medien gab’s Dienstautos, Korruptionsreisen, zentnerweise Selbstgefälligkeit und Journalistenrabatte. Trotzdem stand man, wenn’s um Vorteilsnahmen ging, mit vollen Backen und erhobenem Zeigefinger außerhalb der Debatte.

Nenn mir mal eine Zeitung, die wirklich sympathisch ist. Gut, darum geht’s nicht, aber ein bisschen doch. Als Leser erträgt man auf Dauer die Wadenbeißer, die hochnäsigen Schnösel, die selbstherrlichen Kampagnenmacher, die an ihren Obsessionen leidenden und immer wieder auf sie zurück kommenden Alarmschreiber, die selbstverliebten Systemchaoten nur noch bedingt. In meiner Zeitung gibt es einige Verfasser, die ich aus Erfahrung prinzipiell nicht lese (es bringt nichts, und so viel Zeit habe ich nicht) und einige, die ich nur lese, wenn ich mich ärgern will. Ich würde aber das Geld nicht ausgeben, wenn nicht mehr eben doch Schlaues, Gebildetes, Cooles, Anregendes, Überraschendes und Aufklärendes in der Zeitung stünde, für die mich nun mal entschieden habe.

Ich erinnere mich eines Zeitungsverlegers oder Medienmanagers, der nach dem Prinzip „Not macht erfinderisch” handelte. Wenn die Zeitung rote Zahlen schreibt, dann müssen sich die Redakteure was einfallen lassen. Dieses Prinzip mag vor dreißig Jahren funktioniert haben, aber vor fünfzehn Jahren funktionierte es eben schon nicht mehr. Ansonsten wusste der Mann noch, dass man mehr über Tiere schreiben müsse. Das interessiere die Leute immer. Mehr muss man zu solchen Leuten nicht sagen.

In der Not werden die Blattmacher konfus. Rufen nach Relaunches, Spiegel-Themen, bundesweiten Debatten. Ein Rezensent wundert sich, dass derzeit so viel Shakespeare gespielt werde und glaubt, einen Trend entdeckt zu haben, nur, weil er keine Ahnung hat, denn Shakespeare auf unseren Bühnen – das ist nicht ohne Grund schon immer so gewesen. Und dann glaubt er, nah dran zu sein, wenn er die Regisseurin Katharina Thalbach so zitiert: „Nach de Pause schmeeß ick euch aber raus”. So, glaubt der Hesse, geht Berliner Dialekt. Wir sind vor Ort, wir wissen bescheid.

Der Dezember hat noch nicht angefangen, da werden schon – im eher einseitigen Bruderbund mit der Wirtschaft – die großen ambitiösen Geschenke-Sonderteile rausgeschleudert. Irgendwelche abgefahrenen Tips, mit denen man vor allem zeigen möchte, dass man zu „einer kleinen, aber feinen Schicht” gehört, lauter Insidern, und welche abseitigen Geschichtchen man sich zu den Empfehlungen aus den Fingern saugen kann. Wenn es irgend geht, sucht man dazu neuerdings Fotos raus, auf denen Waffen abgebildet sind, Revolver, Armbrustpistolen, Säbel, MPis. Selbst noch der Lamy-Füller sollte als Nahkampfwaffe eingesetzt werden können. Anscheinend lebt man in einer Traumwelt, in der Waffen coole Filmutensilien sind und sonst nichts. Oder ist die Stimmung so hilflos-aggressiv, dass man zur Waffe greifen möchte, einen Befreiungsschlag führen?

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher kämpft weitgehend mit sich selbst, wenn er in den Zeiten der Zeitungskrise nach der Zukunft des guten Journalismus fragt. Erinnere ich mich falsch oder war er es doch, der jede Gelegenheit wahrnahm, um Debatten über die Aussichten der neuen Technologien zu begrüßen, war er es nicht, der die großen Möglichkeiten erwartungsvoll feierte? Nunmehr ist er es, der – nach einem verlustreichen Jahr seiner Zeitung – der Enttäuschung über die Wirklichkeit im Netz Ausdruck verleiht, in welchem nur die skrupellosen Großunternehmer Geld verdienen, während der gute, der Qualitäts-, der FAZ-Journalismus bedroht ist. Wenn man der Meinung ist, dass das, was man selbst liefert, naturgegeben gut ist, dann muss man eben einfach öfter und genauer die eigene Zeitung lesen, um der Wahrheit, die unter anderem mit Hochmut und Unernst zu tun hat, ins Auge zu sehen.

Es gibt, glaube ich, eine unerklärte Sehnsucht nach einem freien, individuellen Schreiben (und Lesen), einem Schreiben, das freier ist, als es in den Großredaktionen mit ihren festgefahrenen Strukturen und Selbstgefälligkeiten möglich ist.

Die „Zeit”-Frage nach den Fehlern der Branche in den vergangenen fünf Jahren beantwortet Schirrmacher so: „Wie kann man von Fehlern reden, wenn eine ganze Branche sich einigt, dass geistige Arbeit keinen materiellen Wert hat?”

Einerseits klingt das resignativ. Andererseits ist es kryptisch.

Unüberhörbar bleibt die Frage: Wie lange kann man mit bedrucktem Papier noch Geld verdienen. Und wie viel wird es sein? Reicht es, um davon existieren zu können?

  1. November 29, 2012 um 3:28 am

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