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Die sich selbst besiegen

Ist sicher Zufall, dass die Münchner Bayern, die sich anschickten, in kürzester Frist die deutsche Meisterschaft mit vollen Backen und ohne Punktverlust zu erringen, ihr erstes Bundesligaspiel verloren, nachdem Borussia Dortmund drei Tage zuvor Real Madrid besiegt hatte. Borussia Dortmund, ein Verein von nur regionaler Bedeutung, wie der dicke Uli vor lauter Ärger über die Dortmunder Erfolge in der nationalen Liga befand. Oder auch nicht Zufall – denn dass die Dortmunder nun auch international eine Größe geworden sind, könnte die Selbstgewissheit der Bayern schon erschüttert haben. Und wenn ich hier so unsachlich und unseriös vom dicken Uli spreche, dass ich mich vo mir selbst schämen muss, dann meine ich den Kummerspeck, den der Bayern-Präsident angesetzt hat. Er ärgert sich immer noch wie ein kleines Kind, wenn sein Verein nicht als der uneingeschränkt beste gilt. Es ist so lächerlich, und man möchte ihm helfen, einen Therapeuten empfehlen, aber was soll’s, er kann nicht aufhören, sich selbst als Abteilung Attacke zu sehen und überall reinzuquatschen. Nun verlieren sie also zu Hause gegen Bayer Leverkusen, und Hoeneß – als hätte er auf unseren Rat gehört – tut das beste, was er tun kann. Er schweigt. Seine Angestellten aber sind der Meinung, dass sie nicht gegen Bayer Leverkusen verloren haben, sondern gegen sich selbst. „Wir haben uns die Tore selbst reingehauen.” Man verliert halt immer noch lieber gegen sich selbst als gegen Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, Hannover 96 oder Bate Borislav.

Die deutschen Medien haben das Kunststück fertiggebracht, die Bayern derart zu glorifizieren und im Umfeld eine Atmosphäre der Einschüchterung und Unterwürfigkeit zu entfalten, dass die anderen Teams gleichsam mit voller Hose gegen die Bayern antreten. Im vergangenen Jahr bewertete Bayer Leverkusen, noch unter Trainer Dutt, eine 0.3-Niederlage in München als Erfolg. Man hätte ja auch 0:10 untergehen können. Es passt zu den Deformationen der Bundesliga, wenn der Sieger jetzt glaubt, sich beim Verlierer entschuldigen zu müssen, wie das Leverkusens Sportchef Rudi Völler Tante-Käte-mäßig vorführte. „Das wird die Bayern nicht umwerfen… Für mich sind sie neben Barcelona eine der beiden besten Mannschaften Europas”, um anschließend zu prophezeien, dass diese beiden Teams „die Championsleague unter sich ausmachen können”. So arschkriecherisch das klingt, ist es doch auch ein herausragendes Beispiel für die Inhalt-Form-Dialektik. Dem semantischen Schwachsinn entspricht die Holprigkeit der Formulierung auf das glücklichste. Oder wollte Rudi Völler den Bayern Sand in die Augen streuen, damit sie sich in ihrer Selbstverliebtheit auch künftig selbst besiegen? Dann nehmen wir alles zurück und behaupten das Gegenteil.

 

  1. Oktober 30, 2012 um 1:37 pm

    Schön erwähnt der Autor ganz nebenbei, was ich als das eigentliche Problem der Bayern sehe: Ribery und noch mehr Robben sind Weltklasse, aber einfach auszurechnen. Dass Ribery im 1:1 kaum zu verteidigen ist, ändert daran wenig, denn gegnerische Mannschaften müssen das sowieso vermeiden. Natürlich ist das ein Vorteil der Bayern, aber was nach dem wunderbaren Antritt der Flügelspieler folgt, ist eben oft vorhersehbar: Robben setzt direkt am Strafraum den Blinker links und geht nach innen, Ribery läuft weiter. Eine Mannschaft, die sich darauf einstellt, hat zwar immer noch Schwierigkeiten, aber es fällt trotzdem auf, dass Bayern im Kader vielleicht doch manchmal die Kreativität und Flexibilität fehlt, um tief stehende Gegner zu schlagen, die den Flügelspielern wenig Raum lassen. Da gefällt mir Müller besser, der überraschende, schnelle Pässe und Flanken spielt, dabei oft auch selbst abschließen kann. Auch, wenn sein Abspiel nicht immer ankommt: Er macht das Spiel schnell und schlecht berechenbar.

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