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Vorsätzliche Täuschung

Beim Länderspiel gegen Schweden im Berliner Olympiastadion ging einiges daneben. Vor Beginn gab es eine Ehrung für Miro Klose, weil er nicht gelogen hat, und eine Schweigeminute für den verstorbenen blonden Mittelfeldspieler Helmut Haller, in der über das Stadionmikrofon viel geschwatzt wurde. Ganz genau wusste hier niemand, wann er nun genau schweigen soll, äußerte sich der ARD-Reporter Tom Bartels irritiert. Das ist neuerdings ein Problem in Deutschland. Wir wissen nicht mehr genau, wann wir besser schweigen sollten.

Am Ende sagte Bartels: Das ist gespenstisch gewesen. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Was war geschehen? Deutschland legte los wie die Feuerwehr. So gut habe ich die Mannschaft noch nie gesehen. Tempowechsel, doppelte Doppelpässe. Nach dem 2:0 sah Bartels den schwedischen Trainer Hamrin lächeln und meinte, dass das wohl eher Verzweiflung sei. Ich denke, dass es ein ironisches, vielleicht gar hinterlistiges Lächeln war: Die Deutschen gehen uns in die Falle. Denn es war so, dass die Schweden nur so taten, als spielten sie mit. In Wahrheit überließen sie den Deutschen alle Räume. Jerome Boateng konnte von rechts ungestört seine Eingaben schießen, Marco Reus links die schwedische Abwehr spielend überlaufen und überflanken, zur Halbzeit stand es 3:0, das Spiel war entschieden, Tom Bartels quatschte sich besoffen, und die deutsche Mannschaft spielte sich besoffen. Zu Beginn der zweiten Halbzeit zogen die Schweden unerwartet andere Saiten auf, sie kämpften, spielten nach vorn. Es fiel zwar noch das 4:0 für Deutschland, aber es war ein anderes Spiel geworden. Eine lange Flanke in den Strafraum. Ibrahimovic köpft über Neuer hinweg ins Tor. Und der kann es gar nicht fassen, dass es ihm wieder nicht gelingt, seinen Kasten sauber zu halten. Dafür beteiligt er sich zwei Minuten später am zweiten Tor der Schweden, der Ball, aus unmöglichem Winkel abgefeuert, braucht die Hilfe von Neuers Beinen, um ins Tor zu gelangen. Die Deutschen geraten ins Schwimmen. Nichts geht mehr. Vom Spielfeldrand her greift Jogi Löw mit wirren Backe-Backe-Kuchen-Bewegungen ein, die natürlich auch nichts bessern. Kurz und gut: In der dritten Minute der Nachspielzeit gelingt den Schweden das 4:4. Sie haben die Deutschen bewusst getäuscht. Haben sie spielen lassen, griffen nur pro forma ein, und als sie dann plötzlich ihr einfaches, aber wirkungsvolles, von Zlatan Ibrahimovic akzentuiertes Spiel aufzogen, konnten wir uns nicht mehr darauf einstellen.

In den Gesichtern der Spieler und den Erkärungen der Experten blieb eine Leere zurück, vielleicht auch eine Lehre. Die Kanzlerin amüsierte sich auf der Tribüne jenseits aller patriotischen Pflichtgefühle wie Bolle. Sie hatte, wie wir alle, ein Spektakel gesehen.

Unser Torwart Manuel Neuer bekommt inzwischen gar nicht mehr mit, wie selbstgefällig er geworden ist. Da sind die Medien nicht ganz unschuldig, die ihn gern zum besten Torwart der Welt ausrufen. Neuer benimmt sich so, als sei jedes Gegentor eine Majestätsbeleidigung. Er möchte unschlagbar auf der Linie, aber auch der supermoderne Torwart sein, der am Spiel teilnimmt und am besten schon die Torvorlagen gibt. Ein deutscher Musterknabe. Für die Zukunft ist dringend geboten, René Adler in die Nationalmannschaft zurückzuholen, denn das ist der Mann, der Manuel Neuer richtig Feuer unter seinem verwöhnten Bayern-Arsch machen kann. Ron-Robert Zieler und Marc-André ter Stegen sind noch nicht so weit.

  1. Oktober 31, 2012 um 2:15 pm

    Unangenehme Situationen hatte der Bundestrainer genügend zu überstehen beim glücklichen 2:1-Sieg in der WM-Qualifikation in Österreich. Individuelle Fehler im Akkord, mangelnde taktische Disziplin, erschreckende spielerische Defizite. Doch in der Pressekonferenz nach der Partie im Bauch des Ernst-Happel-Stadion musste Joachim Löw die wohl ultimative Schmach hinnehmen: den Verlust des Respekts vor der deutschen Nationalmannschaft. ( Einzelkritik: So waren die DFB-Kicker gegen Österreich drauf )Während sich der 52-Jährige dem Podium näherte, fragten Journalisten Österreichs Trainer Marcel Koller , ob die Niederlage nicht doppelt ärgerlich sei: Schließlich könne diese deutsche Elf auch in Irland und gegen Schweden Punkte verlieren. Als wäre das DFB -Team nicht mehr Gruppenfavorit, sondern Fallobst auf dem Weg nach Brasilien.

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