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Würde-Verzicht

Eine Meise setzt sich aufs schräge Klofenster und sieht mir frech beim Scheißen zu. Ein Eichhörnchen lässt sich nicht aus dem Walnussbaum vertreiben, muss ja auch nicht sein, ich fürchte nur, dass es demnächst wieder unters Dach kriecht und dort zerstörerische Aktivitäten entfaltet. Wahrlich, ich lebe in finsteren Zeiten, da eine unschuldige Verrichtung unter Beobachtung steht und mein Haus bedroht ist.  Bei „Wetten dass” ist ein Pudel zu Tode gekommen (das ZDF bedauert den Tod außerordentlich, der Tierschutzbund merkt an, dass Tiere nicht auf die Bühne gehören. Hätte man eigentlich wissen können.), und die Würde des Kindsmörders Gäfgen ist mit 3000 € Schadenersatz plus Zinsen wiederhergestellt.

Auch wenn das Grundgesetz, das gleichwohl nicht Gott gegeben ist, etwas anderes sagt, wissen wir doch, dass die Würde des Menschen antastbar ist. Wissen wir auch, dass die Würde des Menschen nie einseitig zu sehen ist. Stellen wir fest, dass Menschen sich ständig würdelos verhalten oder dazu verleitet werden, sich würdelos zu verhalten, zum Beispiel im Fernsehen. Wenn nun ein Mensch seine Würde durch ein Verbrechen nicht nur angetastet und verletzt, sondern getötet hat, beispielsweise weil er glaubte, dass Gewinnstreben jede Handlung rechtfertigte (Raskolnikow lebt!), wie kann man dann seine Würde wieder lebendig machen durch 3000 € plus Zinsen? Was ist mit den Eltern, die ein Kind verloren haben? Gehört es nicht auch zur Würde des Menschen, dass er seine Kinder unbeschadet aufwachsen sehen kann? Welchen Schadenersatz hält der Staat für die Eltern bereit? Können wir zulassen, dass Leute wie Gäfgen schlauer sind als das Gesetz? Ist es nicht Anmaßung, wenn die Justiz  glaubt, der abgetöteten Würde mit ein paar tausend Euro aufhelfen zu können? Für eine Weile sollten wir auf das Wort Würde verzichten. Auch wenn’s schwerfällt.

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