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Vorsicht Superlativ!

Ich stehe dem Gebrauch des Superlativs, im Vertrauen gesagt, mit Skepsis gegenüber. Warum muss alles das größte, beste, schönste sein. Andreas Platthaus, dessen Bereich  in der FAZ eigentlich der Comic ist, hat mit Ursula Krechels Roman „Landgericht” das „eindrucksvollste Buch dieses Herbstes” ermittelt. Was soll der Quatsch? Will er etwa behaupten, er habe alle im Herbst erschienenen Bücher geprüft? Doch nicht im Ernst. Also, was sollen diese apodiktischen Urteile, was soll diese Aufschneiderei, was soll der Superlativ. Aber Platthaus ist nicht der einzige, natürlich nicht. Dem Urheber der überhitzten Sprache bleibt gar nichts weiter übrig, als zum Superlativ zu greifen so wie Elke Heidenreich, die das „lustigste Buch des Herbstes” entdeckt hat (Axel Hacke: Oberst von Huhn bittet zu Tisch), und sie darf das, diese Enthusiastin der Literatur benötigt die Lüge wie die Luft zu Atmen. Im selben Text in der „Literarischen Welt”, wo sonst kann so etwas Unredigiertes, wenn nicht Unredigierbares, erscheinen, schreibt sie: „Ich habe nie einen besseren Roman gelesen, nie, und ich lese seit sechzig Jahren ununterbrochen.” Wer so leicht nachprüfbar lügt, kann auch nur vergiftetes Lob vergeben, in diesem Fall für Albert Cohens „Die Schöne des Herrn”. Man begreift, dass Enthusiasmus etwas Entsetzliches ist, wenn man  zur Kenntnis nimmt, wie Frau Heidenreich Joanne. K. Rowlings erstes Buch für Erwachsene bewertet: „Rowling erzählt nicht so verschmitzt wie Updike, nicht so zynisch wie Roth, nicht so brillant wie Franzen, nicht so tiefgründig wie Ford…” Updike verschmitzt? Roth zynisch? Franzen brillant? Ford tiefgründig? Hat sie denn gar nichts verstanden? Kann sich Ahnungslosigkeit deutlicher artikulieren als in diesem Satz? Warum über Bücher schreiben, die man nicht gelesen hat, obwohl man doch ununterbrochen liest? Macht Lesen dumm? Ununterbrochenes Lesen, meine ich? Allein die Vermessenheit, diese Autoren jeweils auf eine Ein-Wort-Formel bringen zu wollen, macht mich fassungslos. Ich meine, im Fernsehen ging das noch, dieses Geplapper, die Euphorie. Aber schwarz auf weiß? Reden wir weiter vom Superlativ: Elke Heidenreich ist die einzigste, die solche bodenlosen Hymnen hervorbringen kann. Daran ist zu ermessen, wie allein sie doch ist.

In Berlin rennen immer irgendwelche bedauernswerten Männer herum, die behaupten, die und die Frau habe die schönsten Brüste von Berlin. Hä? Dieser Superlativ soll ja mehr den Sprecher adeln als die Genannte. Denn der Jugendfreund behauptet da doch seine eigene Unwiderstehlichkeit. Er war mit allen in Frage kommenden, einigen hunderttausend, Frauen intim, und das glauben wir ihm natürlich aufs Wort. Wie wir auch Elke Heidenreich aufs Wort glauben. Sie meint es ja ernst, sie meint es ja gut. Nieder mit dem Superlativ. Manuel Neuer ist nicht der beste Torwart der Welt. Den besten Torwart der Welt gibt es nicht. Er ist nicht auszumachen. Es gibt auch nicht die größte Lügnerin der Welt. Es kann immer noch eine kommen, die es besser kann.

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