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Als ich Patricia Highsmith in Berlin traf

© Fritz-Jochen Kopka

Ich mochte die Krimis von Patricia Highsmith, ich mochte die Übersetzungen von Anne Uhde, ich mochte die gelb-schwarzen Taschenbuchausgaben von Diogenes mit den Titelzeichnungen von Tomi Ungerer

Einmal traf ich Patricia Highsmith in Berlin. Der Chefredakteur fragte: Wer will ein Interview mit Harry Belafonte machen? Wer will ein Interview mit Patricia Highsmith machen? Beide sind in der Stadt.

Ich wollte ein Interview mit Patricia Highsmith machen, obwohl ich Prominenten lieber aus dem Weg gehe. Es muss Ende 1991 gewesen sein. Highsmith war in Berlin, um Promotion für den fünften Ripley-Roman zu machen: „Ripley under Water”. Dieser Ripley war nicht ihr bester, aber die Kritik lobte den „angenehmen unprätentiösen Stil” und den „unwiderstehlich dunklen Eskapismus” des Buchs, hätte auch die schlechte Laune der Autorin loben können, die überhaupt keine Lust hatte, sich den Verbiegungen zu unterziehen, die unvermeidlich sind, wenn man für sein eigenes Buch wirbt. Sie war im Palace-Hotel am Zoo abgestiegen, stieg vorsichtig die mit einem roten Teppichläufer bespannten Stufen ins Foyer hinunter, wo gesaugt und irgendwelches chemische Zeug versprüht wurde, eine Frau mit schmalen Schultern, distanziert, aber nicht unfreundlich, im leichten Trenchcoat und grünen Cordhosen. Sie war siebzig, hatte noch immer dieselben skeptisch forschenden Indianeraugen wie auf den frühen Bildern. Ich nahm ihr den Trenchcoat ab, legte ihn sorgfältig über eine Sessellehne, hatte es aber anscheinend nicht richtig gemacht, denn Mrs. Highsmith erhob sich wortlos, aber mit beredter Miene, korrigierte die Lage des Kleidungsstücks um ein Minimum und setzte sich vorerst zufrieden an die entfernteste Ecke des Tisches. Über diese Stelle der Reportage haben sie wenig später im Diogenes Verlag gejubelt, denn der Korrekturzwang der berühmten Autorin war allgemein bekannt und gefürchtet.

In meiner Erinnerung hat sie mir damals so gut wie nichts gesagt und ihre Einsilbigkeit wuchs mit jeder Minute. Aber ein paar Sätze konnte ich denn doch an Land ziehen.

„Warum kommen Sie immer wieder auf Tom Ripley zurück?”

„Weil er eine Mischung aus Bourgeois und Gangster ist. Äußerlich respektabel und vornehm, eigentlich ein Verbrecher. Über diese Diskrepanz zu schreiben, das finde ich interessant.”

„Zwischen dem ersten und dem zweiten Ripley-Roman vergingen trotzdem fünfzehn Jahre…”

„Vielleicht, ja.”

„Warum diese lange Pause?”

„Kein Grund. Ich hatte andere Ideen.”

„Ripley ist nervöser und übrigens auch hochmütiger geworden”, sagte ich zunehmend verzweifelt.

„Möglich.”

„Warum machen Sie es ihm so leicht? Ist es Sympathie?”

„Natürlich empfinde ich Sympathie für Ripley. Ja, ich mag ihn. Tom ist ein Ästhet, ein Mann mit ausgeprägtem Formwillen. Wenn jemand einen Kreis über das i macht statt eines Punktes, sträubt sich bereits sein Gefieder. Pritchard trägt genau die Art Schuhe, die Tom nicht leiden kann – weiß, aus geflochtenem Material. Da trifft es sich gut, dass er ohnehin Toms Feind ist.”

Ich sah auf meine Schuhe hinunter.

„Haben Sie auch solche Animositäten?”

„Ja. Aber ich würde es nicht Animositäten nennen. Es sind unangenehme Überraschungen, wenn ich entdecke, dass jemand ein hässliches Bild an der Wand hat. Dann kann sich die Beurteilung dieser Person ändern, aber darum würde ich noch keine Freundschaft ausschließen.”

Ich atmete auf. Mehr würde nicht gehen, das war klar.

Am Abend, bei der Signierstunde in Wolffs Bücherei, beklagte sich Mrs. Highsmith bei meinem Chefredakteur, dass ich ihr mit meiner Fragerei doch arg auf die Nerven gegangen sei. Der grinste wohlgefällig. Er schätzte Mitarbeiter, die nicht lockerließen.

Aber bei mir war es keine Beharrlichkeit. Kein Reporterblut. Ich bewunderte diese Schriftstellerin wegen ihrer kristallklaren Bücher. Wegen ihrer Helden, die keine Freunde, aber immer interessante Beschäftigungen hatten. Sie zeichneten Insekten und Spinnen, sammelten bizarre Materialien, experimentierten und züchteten Pflanzen und Schnecken.

„Ich verwende oft meine eigenen Hobbys”, sagte Patricia Highsmith. „Ich habe mich auch mit Schnecken befasst. Ich mache Skizzen. Möbel habe ich geschreinert, drei kleine Tische und Nachtschränke mit Ablagen, aber jetzt ist das Haus fertig und vollständig möbliert. Möglicherweise schreibe ich zu oft über Psychopathen.”

„Warum?”

„Das ist die Story. Wenn die Geschichte einen Mord enthält, dann brauche ich eine verrückte Person.”

Hinter das Geheimnis der Highsmith bin ich damals nicht gekommen. Sie sagte:

„Das ist sehr wichtig für mich: Wie fühlt der Mensch nach dem Mord. Das ist das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, dass man nach dem Mord ein nach außen normales Leben führen muss. Sie werden wahnsinnig, wenn sie es nicht können.”

Für eine Highsmith klang mir das zu normal.

  1. Oktober 10, 2012 um 9:42 pm

    Auf dieser Seite muss man’s ja hinschreiben: Gefällt mir

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