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Usedomer Sittenbilder – der Visionär

© Fritz-Jochen Kopka

The mystic land of visionaries

Der Visionär vom Löwenzahnhof setzte sich auf die Bank. Sein Pullover war am rechten Ellenbogen durchgestoßen, der linke Arm hing schlaff am Leib. Er sagte, dass man sich hier in Vorpommern nicht darauf verstünde, gutes Brot zu backen. Als einer, der aus Sachsen stamme, sei er verwöhnt. Woher?, fragte die Frau. Aus der Nähe von Leipzig. Mehr Genauigkeit ist von Visionären nicht zu bekommen. Er hatte glattes Haar, hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Die Augen blickten meistens ins erleuchtete Leere. Er sei Biobauer, sagte der Visionär. Aber wichtiger als die Ökologie seien ihm noch die Anthroposophie und die Anarchie. Er wartete auf die Reaktionen seiner Gesprächspartner. Da kam nichts. Er machte eine nihilistische Handbewegung. In der Wendezeit saß er am Runden Tisch. Als einer der maßgeblichen Teilnehmer. Vorher war er Diskotheker und Moderator. Zwischendurch, wie gesagt, Bürgerrechtler. Nun also Biobauer. Demnächst wahrscheinlich Schulgründer und Lehrer. Er wolle eine Privatschule ins Leben rufen. Seine Ehe war gescheitert. Er hatte sechs Kinder. Drei davon lebten auf dem Hof seiner Ex genau neben dem seinen. Sechs Kinder und sechzig Visionen. Draußen fuhr der Konkurrent und Nachfolger des Visionärs mehrmals mit dem Trecker vorbei, den Anhänger mit Strohballen beladen. Der Visionär machte wieder so eine Handbewegung. Als Selbständiger konnte er es sich leisten, auf einer Bank zu sitzen und Visionen auszubreiten. Die Herbstbestellung war an der Reihe, aber er war sich nicht sicher, ob er es noch rechtzeitig schaffen würde, die Saat zu legen. Die Visionen waren wichtiger. Der Visionär hatte einen Unfall mit seinem Zuchtbullen gehabt. Der Zuchtbulle hatte den Visionär angegriffen und gegen den Elektrozaun geschleudert. Der Bulle wurde sofort erschossen. Nach diesen Ereignis beschloss der Visionär, nicht mehr zu machen, was unbedingt gemacht werden musste, sondern nur noch das, was er nach Maßgabe seiner Visionen für wesentlich hielt. Er wollte über den Dingen sein. Und wieder fuhr sein Konkurrent mit dem beladenen Hänger vorbei. Der Visionär nahm einen kleinen Schluck Tee zu sich, obwohl er normalerweise keinen schwarzen Tee trank, er nahm auch keinen Alkohol zu sich.

Im Nachhinein bedauerte der Visionär, dass er seinen Bullen nicht mit einem Tuch oder einer geschickten Meidbewegung von sich ablenken und zur Raison bringen konnte.

Aber dann wären Sie ja nicht zu der Einsicht gekommen, sagte die Frau.

Zu welcher Einsicht?

Nicht mehr zu machen, was unbedingt gemacht werden muss.

Der Visionär brach den Monolog ab, schaute noch eine Weile ins erleuchtete Leere und bedankte sich für den schwarzen Tee, den er eigentlich gar nicht trank.

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