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Was für ein schöner Sonntag

© Fritz-Jochen Kopka

1927? 2012? The times, they’re mixed

Der Tag des Offenen Denkmals setzte den Berliner davon in Kenntnis, dass er eine Flussbadeanstalt vor der Haustür besitzt. Unser Nachbar südlicherseits erzählte uns, dass seine Großmutter mütterlicherseits dort einst Eintrittskarten abgerissen habe. Später wurde sie Mamsell und zeigte Familien, wie ein Haushalt zu führen ist, was in Berlin ja keiner weiß. Kaum zu glauben das alles. Wir setzten uns aufs Rad und fanden die Flussbadeanstalt hinter dem Zementwerk. Sie war zum Zeitpunkt ihrer Eröffnung Berlins erstes öffentliches Gemeinschaftsbad für Männer und Frauen und zudem eines der modernsten seiner Zeit. Das Kraftwerk Klingenberg beheizte mit seiner Abwärme das Warmwasserbecken. Nach dem Krieg machte sich hier die Zollverwaltung der DDR breit, und nach der Wende verwilderte das Gelände, bis die Künstler und Kreativen kamen und alles machen, was Kunst ist, oder anders, alles, was sie machen, ist irgendwie Kunst.

© Fritz-Jochen Kopka

Wo sich ein Wäldchen versteckt

Man muss sich nicht darüber wundern, dass man mitten in Berlin Natur antrifft. Aber diese Location, in die zu ihren besten Zeiten täglich bis zu 17 000 Berliner strömten, woran ich meine Zweifel hege, ist doch zu südlich, zu gemütvoll, zu fern von allem, was uns bedrückt, um nicht als Wunder angesprochen zu werden. Vor unseren Augen ziehen Dampfer und Tretboote vorbei. Man kann einen Holzturm besteigen, dort in breiten Sesseln lümmeln und auf die Spree herabschauen. Ein Pfeil zeigt an: Wäldchen. Es müsste von Wäldchen noch eine Verkleinerungsform geben, Wäldleinchen oder so, direkt am Wasser stehen ein paar Silberpappeln, wenn ich richtig sehe, am Tresen gibt es Bionade, Kaffee und Bier, und in einer hölzerner Kiste steht ein Baby und heißt vielleicht Kai. Die Besucher setzen sich auf die Bänke, greifen nach ihren Handys und sagen, wo sie sind. Flussbad in Rummelsburg. Superangenehmes Gelände. Kommt doch vorbei.

© Fritz-Jochen Kopka

Berliner. Angenehm berührt

Am Abend sitzen wir auf der Terrasse unseres südlichen Nachbarn und blicken wiederum auf ein Biotop. Wann hat deine Großmutter dort gearbeitet, vor dem Krieg oder nach dem Krieg?

Zwischen den Kriegen, sagt unser südlicher Nachbar.

Hat sie denn dort auch deine Eintrittskarten abgerissen?

Ich sagte, zwischen den Weltkriegen, sagt unser südlicher Nachbar deutlich pikiert.

Oh Verzeihung, wir wollten dich nicht älter machen, sagen wir.

© Fritz-Jochen Kopka

Was wir auch anfassen: Es wird Kunst

Das war aber auch der einzige Schatten auf diesem Berliner Sonntag. Ach nein. Da war doch noch was. Wir fluchten auf den verdammten Zoll, der sich dieses Gelände unter den Nagel gerissen hatte. Und keiner weiß, ob es je als Flussbadeanstalt reaktiviert werden kann. Das alles verdanken wir dem Zoll.

 

Kategorien:Berlin
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