Startseite > Berlin > Wo sind wir jesunken

Wo sind wir jesunken

© Fritz-Jochen Kopka

Lang, verdammt lang ist der Lange See

Der Typ stand am Netto-Marken-Discounter in der Ortslage Wendenschloss und arbeitete an der Leerung einer Flasche Bier, der wievielten auch immer an diesem Sonnabend. Bier hatte auch seinen wundervollen Körper geformt, wenn das auch nicht auf seinem T-Shirt stand, sondern irgendetwas verschlungen Amerikanisches. Als die Arbeit ihm einen Moment Zeit ließ, fing er an zu räsonieren. Reiche Drecksäcke… Gerade achtzehn und fahren hier  mit solchen Kutschen rum … ’n Ostler kann sich sowat nich leisten.

Hat sich sein Blick so getrübt, dass er mich für achtzehn hielt? Waren seine Augen andererseits so scharf, dass er mein Fahrrad für kostspielig ansah? Dann ging mir ein Licht auf. Es fuhr gerade ein Jüngling mit einem dicken BMW vom Parkplatz. Meinst du den da? Ja, den, sagte der Typ. Na, dann musst du es auch ihm sagen und nicht mir!

Aber der war ja nun schon weg, und der Typ konnte noch nicht aufhören mit seinem Lamento. Der wird achtzehn, den schenken die so’n Auto. Det sind allet alte Stasis. Da sind die Millionen geblieben. ’n Ostler kann sich det nicht leisten. Honecker, Honecker, Honecker. Waren alle Stasis jewesen. Der is achtzehn, vielleicht 25. Ick kann mir sowat nich leisten.

Ein altes Ehepaar, das seinen Einkauf verstaute, war verwirrt. Das ist  Neid, sagte die alte Dame. Det is keen Neid, det is ne Schweinerei. ’n anständiger Ostler kann sich det nich leisten.

Wir wollen das aber nicht hören, sagte die alte Dame.

Lass den doch, sagte ihr Mann.

So lange er sich noch sein Bier leisten kann, sagte ich.

Wo sind wir jesunken, rief der Typ, wo sind wir jesunken hier. Mit achtzehn. Det sind unsere Millionen jewesen.

Er nahm seine Flasche und schlurfte zur Straßenbahnstelle, hörte aber noch lange nicht auf mit seinen Erläuterungen.

Wir waren aufgebrochen, um als Berliner in Berlin Land und Leute kennenzulernen. Und das hat ja auch geklappt. Wir sahen die Fähre und die Gaststätte Zum Wendenschloss, wir sahen auf der Grünauer Seite lange Boote, deren Insassen einen Kanuwettbewerb veranstalteten, wir sahen das Haus in der Niebergallstraße, wo Shukow, Eisenhower, Montgomery und ein französischer General namens de Lattre de Tassigny im Juni 1945 die Berliner Erklärung unterzeichneten, wir sahen kleine Villen und große Villen, traditionsreiche Villen und futuristische Villen, wir sahen Nacktbader und Angler am Langen See, einen märchenhaften Wald, Bäume über dem Weg und wir rochen das Bratfett mancher Gaststätten zehn Meter gegen den Wind. In Schmetterlingshorst hielten wir an. Eine Waldgaststätte war das mal, die ihren Namen dem Glasgraveurmeister und Lepidopterologen Johannes Bittner verdankt, der hier seine Schmetterlingssammlung ausstellte, die allerdings bei einem Bombenangriff 1943 vernichtet wurde. Nach der Wende lag das Gelände bis 1999 brach und verwilderte. Dann nahm sich der Bezirkssportbund seiner an und machte etwas daraus, was man des Volkes wahren Himmel nennen könnte. Einen Schul-, Sport- und Wanderstützpunkt plus Imbiss für Ausflugsgäste mit Tischtennisplatte und Blick aufs Wasser. Und Schmetterlinge sind auch wieder zu besichtigen, nunmehr die Jacobs’sche Sammlung, die Herbert Jacobs von 1902 bis 1952 angelegt hatte.

Angeboten werden selbstgebackener Kuchen, Grill- und Bockwurst sowie das Bier von hier.

Sehr volkstümlich alles, sagt Andrea.

Auch etwas anachronistisch, meine ich.

Und so ostig, sagt sie und meint es abermals wertfrei. Es ist einfach eine bestimmte Eigenschaft.

Das alles ist die Ortslage Wendeschloss im Stadtbezirk Treptow-Köpenick an einem Sonnabendnachmittag im September. Und der Typ, der sich keinen dicken BMW leisten kann, obwohl er schon so viele Flaschen Bier getrunken hat in seinem Leben, gehört natürlich auch dazu. Damit Wendenschloss nicht abhebt.

Kategorien:Berlin Schlagwörter: ,
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: