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Ein Gespräch über Messer in der Schmiede

© Andrea Doberenz

Brücken nach Böhmen

Der Berliner kann im Urlaub zu Hause bleiben, er kennt sowieso nur einen Bruchteil der Stadt und könnte die freie Zeit nutzen, um seine Kenntnisse zu erweitern. Schon in nächster Nähe, der sich ständig verändernden Rummelsburger Bucht, registrieren wir als Neuheiten eine Hafenküche und einen Busport, in dem sich die Busse auch gründlich abseifen können. In einem Ostbloc ist eine Kletterwelt aufgebaut. Die Kletterer springen den imaginierten Berg regelrecht an. Boulder nennt sich so was. Felsblock. Eine Bar für die Zeit nach dem Klettern ist auch vorhanden.

Über die Elsenstraße gelangen wir, an einem Sportplatz mit Kunstrasen vorbei, nach Böhmisch Rixdorf, das ist unser Ziel. Ecke Richardstraße/Kirchgasse steht ein Paar, die Fahrräder zwischen den Beinen, den Stadtplan aufgeschlagen. Sie suchen wohl auch das Böhmische Dorf? Ja. Es soll in diese Richtung gehen. Der Mann zeigt über die Schulter nach hinten. Wie sind aber eigentlich schon alle da. Böhmisch-Rixdorf ist keine geschlossene Museumsanlage. Es gibt die niedrigen Häuser mit den spitzen Ziegeldächern, ansonsten lebt das Dorf in der Jetztzeit und ist ein Teil von Berlin-Neukölln. 1737 gab Friedrich Wilhelm I. böhmischen Glaubensflüchtlingen alle Möglichkeiten, sich in Rixdorf anzusiedeln. Das war großzügig und umsichtig, aber nicht uneigennützig, denn die im Krieg verwüsteten und immer noch verödeten Dörfer sollten wieder belebt werden, und die Rechnung ging auf.

© Fritz-Jochen Kopka

Auf dem Gottesacker liegen Schwestern und Brüder getrennt

Ein Trupp Kleinkinder spaziert die Richardstraße entlang, vornweg zwei Knaben, ein Weißer und ein Farbiger, Rentner-Mercedesse hinter sich herziehend, als feierten sie schon ihren Lebensabend. Wie in den Himmel gehängt weit oben ein begrüntes Ziegeldach. An einer Haustür die Inschrift: Der Kiez bleibt dreckig. Deutsch-Österreichische Küche im Restaurant Louis. Passt schon, sagt der würdige Kellner allenthalben, um am Ende zu fragen: hat’s gepasst? Die vorüberziehenden Kinder sind fast alle dunkelhäutig, sie streiten sich lautstark, aber ohne Arg. Destillate, Spezialliköre aus eigener Herstellung. Frank Zander veranstaltet eine Werkschau. Er malt ja auch und ist ein sozial empfindender Mensch.

© Fritz-Jochen Kopka

Als es noch böhmischen Dorfschulzen gab in Berlin …

In der Rixdorfer Schmiede kommt es zu einem langen Gespräch über Messer. Früher und im Märchen sahen die Schmiede wie Gewichtheber aus. Dieser hier ist ein schlanker sportlicher Mann mit einem schmalen Schädel und großen Ohren, durchaus ein Charakterkopf. Messer sind meine Profession, sagt er, und nichts ist einfach, wenn man Messer bewertet. Wenn jemand einen runden Geburtstag hat, dann kann man sich von Martin Böck ein Messer für den Jubilar schmieden lassen, ein Werkzeug ganz nach eigenen Wünschen und den Ratschlägen des Schmieds, das kostet dann 100 bis 150 €, aber es tut seine Dienste über drei Generationen; kann man das teuer nennen? So wie bei uns japanische Messer einen Hype erlebten, so setzt man in Japan auf Messer aus Solingen. Ein gutes Messer ist immer gut, woher es auch kommt. Der Rest ist Exotik. Why not. Messer aus mehreren Lagen verschiedener Stahlsorten, mehrfach gefaltet, beim Ätzen und Polieren entstehen eindrucksvolle Muster. Harter Stahl bleibt scharf, bricht aber leicht. Weicher Stahl bricht nicht, wird aber schnell stumpf. Manchmal rundet sich die Schneide, manchmal biegt sie sich auch leicht zur Seite. Dann ist der Wetzstahl gefragt, auch das ist wieder ein Kapitel für sich.

© Andrea Doberenz

That’s Berlin too: Statt Höhenflügen Pflanzversuche

Wir fahren weiter nach Tempelhof. Auf dem leeren Flugfeld verlieren sich Radfahrer, Läufer und Spaziergänger. Soviel Weite in der verdichteten Stadt. Ein bisschen Hüttenbau, ein bisschen Kunst, ein bisschen Gardening, die Pflanzen wachsen in Behältern, Kisten und Schuhen. Der Wind fegt unsere Fahrräder beiseite. In dieser Weite kannst du dich verlieren.

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