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Gedicht und Schuh

© Fritz-Jochen Kopka

Verkooft jetzt Schuhe in Berlin-Mitte. Und was wird mit den Literaturpreisen?

Hans Sachs war Schuh-/Macher und Poet dazu. Da sehen wir eine Traditionslinie. Durs Grünbein war Poet und ist nun auch noch Schuhverkäufer. Wie gleichen sich ein Gedicht und ein Schuh? Das eine besteht aus Worten, das andere aus Leder und Gummi. William Carlos Williams sagte: „Ein Gedicht ist eine kleine (oder große) Maschine, hergestellt aus Worten. Nichts an einem Gedicht ist sentimentaler Natur; damit will ich sagen: es darf sowenig wie irgendeine andere Maschine überflüssige Teile enthalten. Seine Bewegung ist eine Erscheinung eher physikalischer als literarischer Art.”

Okay, Maschine, Schuh. Der Unterschied zwischen Gedicht und Schuh ist, dass der Schuh nur als Paar funktioniert. Das Gedicht geht eher barfuß.

Das ist der unernste Aspekt der Sache, es gibt auch einen halbernsten. Der heißt „Koloss im Nebel” , neuer Gedichtband von Durs Grünbein, besprochen von Fritz J. Raddatz in der „Welt”, deren Buchbeilage „Literarische Welt” sich, ganz schön lächerlich, im Untertitel „Ein Journal für das literarische Geschehen” nennt. Raddatz versteht nicht viel von Gedichten und Eisenbahnen, deshalb muss er, wenn er von Gedichten spricht, zu einer Grundsatzdiskussion ausholen und die lautet: „Die Deutschen lieben ihre selbstfabrizierten Mythen, lauwarm weichgespült mögen sie bitte nicht von den kühlen Wassern der Vernunft gereinigt werden.” Raddatz nennt als Beispiele dieser deutschen Mythen Neo Rauch, Helmut Schmidt, Robert Gernhardt, Theodor Heuss – seiner Meinung nach alles Nieten oder Schurken oder beides, aber vom ungebildeten deutschen Volk heiß geliebt. Es sollte doch lieber Fritz J. Raddatz lieben, das deutsche Volk, da wäre es an der richtigen Adresse, bei diesem notorischen Selbstüberschätzer, üblem Nachredner und Jammerläppchen. Okay. Was hat das mit Durs Grünbein zu tun? Er gehört nach Raddatz’ Meinung auch zu diesen hochverehrten Nieten. Die PR nenne ihn: „eine der markantesten Stimme deutscher Dichtung unserer Zeit”.  Was weder für noch gegen den Dichter spricht. Ähnliches sagen doch alle Verlage von allen ihren Dichtern, weil sie denken, ein Buch verkaufe sich schlecht, wenn man nicht auf die Pauke haut. Raddatz hat offensichtlich davon gehört, dass das Wesen des Gedichts das Geheimnis sei, der sakrale Innenraum, den das Gedicht umschließt wie eine Frucht ihren Kern. Mag sein, dass daran etwas ist, wenn man es weniger parfürmiert ausdrückte. Raddatz zitiert, um etwas bodenständiger zu werden, Walter Benjamin, wie er überhaupt ständig zitiert, weil ihm selbst die Argumente fehlen, um es mit Buch und Autor aufzunehmen, er braucht Enzensberger und was der über Benn sagte, er braucht Osterkamp und die SZ. Grünbein aber wirft er sein Bildungsrenommee, die Belehrungssucht vor. Da sieht dann wohl jemand den Balken im eigenen Auge nicht. Und mit den aus dem Kontext herausgenommen Verszitaten Grünbeins vermag Raddatz natürlich nichts zu beweisen, außer, dass er unfähig ist, mit seinen selbst erklärten Weisheiten umzugehen, zum Beispiel der von der Geheimnishaftigkeit des Gedichts. In diesem Sinn sagt das Zitat über das Gedicht überhaupt nichts aus. Was genau ist mit Grünbein passiert, fragt Raddatz, und das genau kann er nicht beantworten. Er redet abermals von dem übermittelten „Bildungsplissee” und schließlich von einer angemaßten Omnipotenz. Grünbein kann zu allem und jedem ein Gedicht herstellen. Da erklärt der Verlag schon besser, wenn er uns mitteilt, dass Grünbein sich seinen Gegenständen in konzentrischen Kreisen nähere. Womit ein Dichter, wenn er älter wird, vielleicht auch wieder aufhören kann. Oder wird das mit dem Alter eher schlimmer?

Gegen Grünbein spricht allerdings der Umfang des Buchs. 200 Seiten für einen Gedichtband, meine Güte. 80 Seiten sind in Ordnung, aber 200? Ein Gedicht ist leider viel schneller gemacht als ein Schuh.

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