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Berlin Alexanderplatz (2): That’s my song

© Fritz-Jochen Kopka

Reverend Shine und das rote Megaphon

Die S-Bahn hielt. Ale-xan-der–platz?, buchstabierte ein junger Russe fragend und sah mich an. Nein, antwortete ich charmant, Fritz-Jochen Kop-ka. Unten, am Brunnen, den man ungerechterweise Nuttenbrosche nannte, fragte ein Straßenkid: Hast du mal ’n Euro für ’ne Mini-Pizza? Ja, sagte ich, aber ich hab keinen Hunger.

Das sind alles so Sachen, die ich hätte sagen können, aber nicht wirklich gesagt habe, weil ich einerseits Humanist bin und andererseits keins auf die Fresse kriegen möchte. Ich erinnere mich an die Zeit, als es hier einen dünnen jungen Mann gab, der auf den Bahnsteigen die S-Bahnen abfahren ließ. Er gab mit seinen Armen die Signale, und die Bahnen fuhren. Ich meine, sie fuhren sowieso, und die Fahrer kümmerten sich nicht um diesen Mann, aber das konnte man auch anders sehen, und er sah das anders. Seine Arbeit verschaffte ihm Befriedigung, er sah fröhlich aus.

Dies ist der erste, immer noch bedeutendste deutsche Roman, in dem die Großstadt nicht nur Schauplatz und Rahmen, sondern Thema, Atmosphäre, aktive Dynamis und sprachproduktiv geworden ist, heißt es in Wilperts Lexikon der Weltliteratur über Döblins Berlin Alexanderplatz. Wenn ich es richtig sehe, interessierte Döblin weniger der Platz als vielmehr die abzweigenden Straßen. „Wie von gewissen alten Kirchen in manchen Städten strahlten von diesem Platz kleine finstere und zweifelhafte Straßen aus… Ich wandere die Münzstraße hinunter, hier gab es früher viele Lokale, auch zweifelhafte. Auch viel kriminelle Dinge sind hier passiert; es war ein ungeheuerliches Menschengewühl.” Diese Straßen sind jetzt dabei, ihre Finsterkeit zu verlieren. Sie sollen glänzen. Franz Biberkopf kommt aus dem Knast und denkt: die Strafe beginnt. Nein. Döblin sagt das voraus. Schuhgeschäfte, Hutgeschäfte, Glühlampen, Destillen. Warenhaus Tietz. Wo soll ick armer Deibel hin, denkt Biberkopf in der Sophienstraße. Kinoreklamen. „Wat machen wir?”, sagt Biberkopf. „Ick bin frei. Ich muss ein Weib haben.”

© Fritz-Jochen Kopka

Wohin schaust du, Johnny Jukebox, wohin geht deine Sehnsucht

Weiber gibt’s genug am Alexanderplatz. Sie stehen im Kreis um Johnny Jukebox herum, der an der Weltzeituhr steht und „Hallelujah” von Leonard Cohen singt. Es ist ein heiliger Moment. Nur der Mann im Rücken von Johnny Jukebox frisst stumpfsinnig seinen Superburger.

Auf einem Video bei Youtube steht eine Gruppe von Mädchen neben Johnny Jukebox, sie tragen vorwiegend gelbe Kleidung, und sie singen den Chorus seines Songs, und das tun sie verdammt gut. Es ist eine echte Vorführung. Johnny Jukebox lächelt und staunt. Es gibt hier keine Definition von Glück, aber das ist ein Beispiel. Da steht einer an der Weltzeituhr, Berlin Alexanderplatz, und singt sich die Seele aus dem Hals, und dann stellen sich die Mädchen neben ihn, die vielleicht aus Paderborn oder Speyer kommen, und sie sind sofort ein Team. Es ist Glück für Johnny Jukebox, und es ist Glück für die Mädchen. Wahrscheinlich werden sie diesen Moment ihr Leben lang nicht vergessen.

Vorletzten Freitag spielten Reverend Shine Snake Oil Co. auf dem Alexanderplatz. Die Band kommt aus Kopenhagen, zwei Musiker sind Amis. Der farbige Sänger, ich sag mal Reverend Shine, singt in ein rotes Megaphon. Es klingt nach Tom Waits. Der Reverend ist ein Entertainer, wie er im Buch steht. Er macht Spaß, er ist ernst, er streichelt das mittanzende Kind, er begrüßt im Publikum einen Musikerkollegen, alles ist leicht, und er ist ganz bei seinen Songs. Auch das ist ein großer Moment, der lange dauern kann, wenn man Zeit hat.

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