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Kindlichkeit und Greisentum

Die Olympischen Spiele gehören der Jugend, den Kindern (Turnen, Schwimmen) und den Greisen. Es ist nicht leicht für die alten Funktionäre, sich bis zum Siegespodest durchzuschlagen, und es ist ausgemacht schwer, die Arme hochzurecken, um den Athleten die Medaillen umzuhängen, aber sie haben es noch immer geschafft, die alten Funktionäre, sie werden zu selten für ihre Leistungen gelobt. Ebenso wenig gelobt werden unsere Schwimmer, aber die waren doch immerhin vornehm genug, keine Medaille zu erringen. Es ist doch klar, dass sie das taten, um die Funktionäre zu schonen. Kaum jemand will das würdigen. Denken wir an den Greis an der Weitsprunggrube. Er hebt die rote Fahne, um den Sprung ungültig zu machen. Der Sprung war aber gültig. Der alte Mann sieht das sofort ein, korrigiert seinen Fehler, hebt die weiße Fahne und macht noch eine entschuldigende Geste, um seiner Schussligkeit ein Lächeln aufzusetzen. Welcher junge Mensch wäre zu einer so liebenswürdigen Korrektur fähig gewesen? Sprechen wir über die skurrile Greisin und den skurrilen Greis, die sich nach dem abschließenden 800-m-Lauf im Siebenkampf viel Zeit für unsere Lilli Schwarzkopf nahmen, um anhand von Bildtafeln zu erläutern, dass sie sich an den Regeln vergangen habe und disqualifiziert gehöre, da sie die Bahn verlassen habe beziehungsweise auf die Begrenzungslinie getreten sei. Ich meine, welcher junge Mensch könnte schon derart eindrucksvoll Korinthen kacken! Nun gut, sie haben Lilli mit einer anderen Läuferin verwechselt, aber warum rennen die auch so schnell, wer soll das alles auseinanderhalten, da müsste man schon sehr junge Augen haben. Lilli Schwarzkopf äußerte sich anerkennend über den englischen Humor und bekam ihre Silbermedaille, auch, weil die deutsche Delegation kleinlich genug war, auf ihrem Recht zu bestehen und Protest einzulegen. Ja, verdammt, endlich Leichtathletik. Wir verfolgen die Olympischen Spiele nicht wegen Badminton, Beachvolleyball und Trampolintrampeln (es ist wirklich zu arg), sondern wegen dieses wunderbaren Stadions voller fairer, begeisterter vornehmlich britischer Fans, wegen der Athleten auf dem Rasen und auf der Kunststoffbahn. Es scheint unmöglich zu sein, an der britischen Siebenkampfsiegerin Jennifer Ennis einen Makel zu finden. Bei unserer Diskuswerferin Nadine Müller aus Halle/Saale könnte man das Phlegma loben, man hat das Gefühl, sie könnte unbedingt noch drei bis vier Meter weiter werfen, wenn sie etwas mehr aus sich herausginge, aber sie bleibt doch ganz bei sich, auch wenn die anderen Athletinnen sie nach und nach übertreffen, bis sie eben vom 1. auf den 5. Platz durchgereicht wurde. Vor dem 100-m-Finale der Frauen (nur farbige Läuferinnen) konnte man staunen: Nicht nur die Trainer und Psychologen hatten ganze Arbeit geleistet, sondern auch die Imageberater und Stylisten. Diese Athleten repräsentieren eine bunte, modische, bizarre Zwischenwelt, an der man sich kaum satt sehen kann. Und alles ist wieder normal, wenn ein kleines, pummliges Mädchen im Stadioninnenraum seinen Vater umarmt, man staunt, dass er es in Höhe stemmen kann: denn es ist der 10 000-m-Lauf-Sieger Mohammad Farah, ein hagerer, federleichter Mann. Maria Scharapowa ahnte, was ihr blüht, als sie zum Endspiel im Damentennis antrat. Serena Williams hatte bis dahin alles vom Platz gefegt, Viktoria Azarenka, die Weltranglistenerste, machte im Halbfinale gerade mal drei Punkte, und Scharapowa traf es noch ärger: ein Punkt. Ich sehe das nicht ohne Besorgnis. Serena Williams ist ein authentischer, sicher auch schwieriger Charakter mit enormer Ausstrahlung. Aber wann hat je eine Tennisspielerin ihre Gegner so dominiert? Und Serena gelang das in früheren Jahren auch nicht. Die Macht der einen und die Ohmacht der anderen – das ist kein Vergnügen. Noch ein Wort zur Kindlichkeit? Es handelte sich bei den Turnerinnen um sehr ernste Kinder, Kinder ohne Kindheit, das Sterben, wissen wir, beginnt mit der Geburt.

Kategorien:Fighters
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