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Geballte Ladung Trivialscheiße

Bekanntlich steht derzeit die ehemalige Fernsehspielchefin des NDR, Frau Doris J. Heinze, vor Gericht, weil sie dem Sender eigene Drehbücher und auch Stoffe ihres Mannes unter Pseudonym unterschob und dafür unrechtmäßig viel Geld kassierte, von allen anderen Merkwürdigkeiten abgesehen. „Sie bedauere ihr Vorgehen, habe allerdings aufgrund der hohen Qualität der Drehbücher nicht den Eindruck gehabt, dem Sender zu schaden”, lese ich in der FAZ. Das stinkende Eigenlob hat sie umsonst, aber der Witz ist wirklich genial. Angriff ist die beste Verteidigung, haben wir als junge Fußballer gelernt, und auch der Spruch „Frechheit siegt” war in. Es mag aber auch mit einer grenzenlosen Selbstverliebtheit zu tun haben: Mir vorzustellen, dass irgendetwas, das ich schreibe, nicht von allerhöchster Qualität ist, fehlt mir die Phantasie.

Aber ob mit oder ohne Doris Heinze: Die Verhältnisse im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen sind einfach so, dass die Fernsehspiele eine geballte Ladung Trivialscheiße abbilden. Die Legenden, mit denen die Produktionen beworben werden, wirken wie Zuckerwasser, mit dem man sich die Haare aufrecht stellt:

Nach ihrer Scheidung beschließt Lis Praetorius, das Kapitel Männer ein für alle Mal aus ihrem Leben zu streichen. Auch Jan Plathe hadert mit seiner gescheiterten Ehe. Bei einem Mitarbeitercoaching lernen sich die beiden kennen … / Nina und Alexander sind mit Antonias Hilfe frisch gebackene, glückliche Eltern. Aber das Glück währt nur kurz: Ihr kleiner Sohn Timo wird entführt. / Der Kinderwunsch von Dieter und Esther hat sich erfüllt: Sie erwartet Zwillinge. Sie ist Anwältin und kann nicht zuhause bleiben. Kommt ihr Mann, der sich zunächst freut, mit der Aufgabe zurecht?  / Der Gewürzhändler Bernhard Stolz führt ein Leben, über das er sich eigentlich nicht beklagen kann. Doch dann erfährt er vom Tod seiner Schwester Marlies, die er seit zwölf Jahren nicht gesehen hat. / Pia Vandenbrok, Notfallärztin aus Hamburg, reist mit ihrem 13jährigen Sohn Leo in die Berge. Sie will ihre Halbschwester kennenlernen. Leo legt sich mit dem alten Karl an, dem das Ferienhaus gehört. /  Die Fotografin Mia Högberg überredet ihre beiden älteren Schwestern, endlich einmal gemeinsam zu ihrer Mutter aufs Land zu fahren. Hier offenbaren sich die privaten Probleme der Frauen.  / Zwischen ländlicher Idylle und kleinbürgerlichem Denken platzt unvermittelt eine Bombe: Katharinas Sohn Hans ist schwul und will seinen Freund Nicki im Heimatdorf seiner Eltern heiraten. /  Die verheiratete Thea wagt einen Seitensprung mit dem attraktiven Benedikt.  Der filmt ihr Schäferstündchen und verlangt 100.000 Euro Schweigegeld. Währenddessen geht Benedikt bereits ein neues Opfer ins Netz: Babette. Gemeinsam schmieden Thea und Babette einen Racheplan.  / Die Orchesterpianistin Jessica hat nach dem Tod ihrer Mutter erfahren, dass sie als Säugling adoptiert wurde. Sie reist auf die Insel, auf der sie geboren wurde, erhält aber nirgends Auskunft.  / Lukas Schauttner muss beruflich nach Siebenbürgen. Seit seiner Ausreise hat er seine alte Heimat verdrängt. Auch wenn Lukas die Dienstreise kurz halten will, holt ihn doch seine Vergangenheit ein. / Als die reiche Witwe Martha den gescheiterten und charmanten Hape kennenlernt, kommen sich die beiden allmählich näher, doch Hape verstrickt sich immer mehr in einem Netz aus Lügen.  / Als die lebenslustige Annika ihrem Papa, dem Müllmann Hannes, ihre große Liebe vorstellen will, erweist sich der vermeintliche Koch Alexander als millionenschwerer Erbe einer Hotelkette.

Die modischen Namen und die abgehobenen Berufe sind in ihrer Kopplung astreine Scheinweltphänomene. Logisch, dass es hier um nichts als Quote geht. Die Sender verlangen von den Autoren, „unkompliziert, einfach, klar, auf keinen Fall verwirrend” zu schreiben. Und so sieht das dann auch aus. Dass es, egal unter welchen Prämissen, auch anders geht, zeigen die ZDF-Produktionen „Bella Vita” und „Bella Australia”. Darüber demnächst in diesem Theater.

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