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Der Beckenbauer der Literaturkritik

Frieden im Regal. Warum auch nicht.

Frieden im Regal. Warum auch nicht.

Marcel Reich-Ranicki ist der Franz Beckenbauer der Literaturkritik. Jenseits von Gut und Böse. Alles ist ihm schon im Voraus verziehen und im Nachhinein erst recht. Immer wollen wir ihn befragen. Irgendwas Lustiges tritt dabei unter Garantie zutage. Das Bittere und das Süße. Ohne Rücksicht auf Verluste plaudert er alte Geschichten aus. Unabhängig davon, ob die Erinnerung funktioniert oder fabuliert. Günter Grass? Ja, dieses ekelhafte Gedicht. Reich-Ranicki kennt ihn schon seit 1958. Da war er noch Pole (Reich-Ranicki, nicht Grass). Ein Freund  bat Reich-Ranicki, dass er sich um den Gast aus Deutschland, Günter Grass, kümmere. Reich-Ranicki kümmert sich (wie ihm geheißen) und stellt fest, dass der junge Dichter aus Deutschland gegen Mittag schon eine Flasche Wodka getrunken hat. Ist denn das die Menschenmöglichkeit! Er hat mir Angst gemacht, sagt Reich-Ranicki. Er hatte so etwas Wildes. Er sah aus wie ein bulgarischer Partisan, nicht wie ein junger Autor aus Westdeutschland. Phantastisch. Dem Wirtschaftswunderland. Aus diesem Mund kommt doch immer etwas Bizarres. Man muss nur etwas Geduld haben. Bescheidene Frage. Was denkt Reich-Ranicki, wie er seinerseits auf Grass gewirkt hat? Hat er ihm Zutrauen eingeflößt? Fand Grass, dass sein Kümmerer wie der Papst aussieht? Oder wie ein polnischer Schnulzensänger? Oder wie ein Parteibonze? Ein Geheimagent? Und Grass? Ob er sich erinnert? Nun, Reich-Ranicki ist nicht langweilig, wirklich nicht. Da kommt immer noch eine überraschende Wendung. Grass ist für ihn eine Skandalnudel, aber die Formulierung „letzte Tinte” in diesem ekelhaften Gedicht, die ist gut, sehr gut. Verflucht noch mal!, schreit Reich-Ranicki im Gespräch mit der FAS. Er kann nicht erklären warum. Er ist der Franz Beckenbauer der Literaturkritik. Keine Frage. Während aber Beckenbauer, die Lichtgestalt, in himmlischen Gefilden wandelt, muss Reich-Ranicki viele Höllen durchqueren. Zu bremsen ist er nicht. Von nichts und niemand.

  1. April 22, 2012 um 12:28 pm

    Thanks for sharing such a nice thinking, paragraph is nice, thats why i
    have read it entirely

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