Startseite > Movie Star > Die Thriller von heute sind die Märchen von gestern

Die Thriller von heute sind die Märchen von gestern

Überall Kintopp. Hinterhof. Rosenthaler Straße. Berlin-Mitte.

Überall Kintopp. Hinterhof. Rosenthaler Straße. Berlin-Mitte.

Normal sehe ich mir einen Thriller wie „Headhunters” nicht an, aber wir sind zu dritt und müssen uns einigen, da kommt man dann auf einen Film, den keiner wirklich will. Und schon ist man Teil dieses Publikums mit Popcorn, Tütenknistern, Knien, die sich in deinen Rücken bohren, und Witzigseinwollen. Publikum, das durch die Detonationen und Atemlosigkeiten der Werbespots, die für mich ein kleiner Krieg sind, unerschütterlich hindurchgeht. Ich empfinde diesen Lärm, diese Hysterie als Bedrohung und bin irgendwie neben mir. Früher hat man sich auf die Trailer kommender Filme gefreut, aber da sieht man heute auch nur Effekte und Abartigkeiten, es kommt mir so vor, als ginge es immer um Außerirdische und Robotermenschen. In welcher Welt befinden sich Leute, die sich diese Filme freiwillig ansehen. Okay, ich weiß schon, es sind die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm von heute. Für die muss man andere Augen und Ohren und überhaupt Sinne haben, als sie bei mir ausgebildet sind. Ich meine, ich bin keine Mimose und auch nicht besonders schreckhaft, aber ich glaube das Recht zu haben, mich inmitten dieser schlecht motivierten Weltuntergänge unwohl zu fühlen. Warum macht man das.

Der, ich sag mal, Hauptfilm zeigt zunächst die sterile Welt der Reichen oder anders: Er zeigt die Welt der Reichen steril, weil, man kennt sie nicht wirklich, die Welt der Reichen, und die Reichen werden sie nicht so zum Angrapschen und Anglotzen hergeben. Überall steht irgendwas wertvolles Wesenloses herum. Und die Typen führen stahlharte Dialoge. Sie tragen diese bekannten kosmopolitischen Kunst(honig)-Namen. Roger Brown und Clas Greve. Oh Mann. (Der Film kommt aus Norwegen, basiert auf einem Roman von Jo Nesbö und versucht, an den Welterfolg der Milleniumsfilme anzudocken.)

Roger Brown ist nur 1,68 groß und darum umso ehrgeiziger. Er ist der beste Headhunter, wie er findet, und klaut Gemälde, um Lebensstil und Gattin zu finanzieren, aber auch aus Freude daran, andere Leute zu linken. Das Spektakel kippt, als das Handy seiner Frau, Diana, zu seinem Entsetzen im Schlafzimmer seines Feinds Clas Greve klingelt, als  der böse Roger gerade dabei ist, Greve einen Rubens zu klauen und kurz mal Diana anrufen. In diesem Moment dreht sich das Leben des Headhunters. Er wird vom Täter zum Opfer, vom Jäger zum Gejagten, vom Topmanager zum Todeskandidaten. Um sein Leben zu retten, muss er buchstäblich in der Scheiße untertauchen und durch eine Klopapierrolle Luft holen. Ich sehe, wie meine Tochter Emilia sich ekelt und des öfteren zusammenzuckt. Ich sehe ebenso, wie meine Tochter Julia sich ständig vor Lachen schüttelt, und damit der Rentnerin an ihrer Seite den schönen Schauder versaut.

Roger Brown sieht plötzlich wie Klaus Kinski aus. Er ist eine Art Jesus auf dem Weg nach Golgatha.  Er kann nur die nackte Haut retten, aber auch das ist nicht genug. Er muss sich auch noch die Haare abrasieren, weil die mit einem Ortungsgel präpariert sind und zerschneidet sich dabei den Schädel. Monstermäßig sieht er aus, und am Ende zeigt sich, dass es sein Fehler war, nicht an Dianas Liebe zu glauben. Die hätte auch ohne die große Kohle zu ihm gestanden. Banal, wa?

Auch der Film besteht letztlich aus lauter Werbespots. Werbung dafür, das große Geld zu machen. Werbung dafür, sich ein Image zu verschaffen. Werbung für den Überlebenswillen. Werbung für die Überwindung des Ekels (siehe Dschungel). Werbung dafür, die nackte Haut zu retten. Werbung dafür, noch als Loser ein Sieger zu sein.

Wir trinken zwei Bier und zwei Radler und sind zufrieden, dass wir uns konkret in Berlin-Mitte befinden. Oder noch besser: Berlin Alexanderplatz. Unsere Haut ist schon gerettet.

Kategorien:Movie Star Schlagwörter: , , ,
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: