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Reden über den Redner

Adler über den Wipfeln der Republik

Adler über den Wipfeln der Republik

Ich rede hier nicht über den Bundespräsidenten Gauck, ich rede über die Medien, die über Gauck reden. Euphorisch sind sie überwiegend, die Leitartikler und Berichterstatter. Es ist eher ein Singen als ein Reden, mit dem sie Gauck bedenken. Die Hymniker sind angetreten, um den Monothematiker noch einmal zu erhöhen und noch einmal. In der  FAZ vom Sonnabend sind in der Kommentarspalte zwei Hymniker am Jubeln, der Mann auf der Aufschlagseite des Feuilletons bemüht sich wenigstens noch um etwas Bodenhaftung. Fluch der guten Tat: Damit macht er sich extra lächerlich. Der Autor Kaube geht auf Aristoteles zurück, um das Phänomen Gauck zu deuten. Es sei „der Ton” gewesen, der die Rede des Bundespräsidenten so erfreulich machte: „ungestelzt, ausgeglichen, selbst im Pathos unterorchestriert”. Verdammt, wo habe ich da meine Ohren gehabt! Oder wo hatte der Autor Kaube sie? „Wir hörten jemanden”, sagt er, „der gern spricht, aber nicht, weil er gern verbal fuchtelt.” Sondern? Darauf geht Kaube nicht ein. Dann ergänze ich: … weil er sich gern reden hört. Autor Kohler auf Seite 1 attestiert dem Monothematiker Gauck, dass er noch ein weiteres Thema entdeckt hat: Mut. Gauck habe unentwegt, auch unausgesprochen, aufgerufen: „Habt Mut!” Bitte doch sehr. So stelle ich mir Freiheit nicht gerade vor, dass ich unablässig zu Verhaltensweisen genötigt werde, die mir erstens nicht fremd sind und über die ich zweitens schon gern selbst verfügen würde. „Gauck selbst brachte den Mut auf, nicht nur von Schuld und Schatten zu reden, sondern vor allem von den ›kostbaren Gütern‹ der deutschen Nachkriegsgeschichte.” Damit dieser Mut aber nicht Übermut werde, bestehe Gauck lediglich auf „Paradigmenergänzung” und nicht gleich auf einen Revisionismus der Erinnerungskultur. Co-Kommentator (oder –Hymniker) von Altenbockum befindet: „Die Freiheit, die Gauck predigt, ist … alles andere als alltäglich.” Alles andere als alltäglich und sehr allgemein. In dieser allgemeinen und undurchdachten Form nicht hilfreich. Die Frage, die nicht gestellt wird, ist: Denkt Gauck wirklich so undifferenziert oder bedient er sich nur einer geglaubt zugkräftigen Formelhaftigkeit, weil er meint, dass sie seinen Zuhörern, den westdeutschen vornehmlich, wie es scheint, behagt? Nebenher attestiert von Altenbockum den Osteuropäern und mithin Ostdeutschen, dass sie „Insassen einer sowjetischen Anstalt” waren.

Das Beste zum Schluss. „Die Welt” setzt keinen Hymniker, sondern einen lyrisch begabten Schnulzensänger ein: „Joachim Gauck versteht es, wie ein Ehrfurcht gebietender Adler mit weiten Schwingen über den Wipfeln dieser Republik zu fliegen.” Geht’s noch, Freunde? Wie wär’s, wenn ihr den Kollegen für ein halbes Jahr an den Kopierer setztet? Damit er zu sich kommt? Oder soll das Kabarett sein?

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