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Zeugen zur Nachbarschaft

Der Künstler gibt Auskunft

Der Künstler gibt Auskunft

In Nachbarschaften wie dieser werden viele signifikante deutsche Vornamen im Munde geführt, Herbert, Hilde, Helga und Horst, Friedel und Lothar, Irmgard und Ilse, Erna und Günter. Irgendwie neige ich dazu, diese Vornamen für kleine Reime zu missbrauchen („In deinem Alter, Walter!”, „Bist du im Bilde, Hilde?”, „Doch nicht im Winter, Günter!”) oder sie, die Vornamen, anderweitig zu verhunzen. Ich weiß, verdammt noch mal, nicht warum. Hinzu kommt, aber das ist ein philosophisches Problem, dass Günter ja nicht Günter ist, sondern ein Mensch, der, aus Gründen der Unterscheidbarkeit, nur als Günter eingetragen wurde. Man müsste also alle diese Namen in Anführungsstriche setzen. Manchmal tue ich das auch und komme mir dabei entweder witzig oder tiefsinnig vor.

Im Winter zeigen diese Leute, dass der biologische Faktor im Menschen den gesellschaftlichen Faktor dominiert. Man sieht sie nicht. Sie halten Winterschlaf wie die Tiere. Im Sommer hingegen ist ihre Präsenz überwältigend.  Sie haben alle ihre guten Eigenschaften, die Nachbarn, ich erwähne nur die interessanten. Sie sind nicht auf den Mund gefallen. Manchmal wunderte ich mich, wie viel sie zu erzählen haben, bis ich feststellte, dass sie alles drei oder vier Mal sagen. Jeder hilft jedem. Da ist der alte Dozent, den man morgens oft beim Selbststudium der Bildzeitung beobachten kann (wir nennen ihn ehrfürchtig den Schriftgelehrten). Danach beobachten wir ihn beim Erholungsschlaf, der gleichzeitig ein Vertiefungsschlaf ist (Vertiefung der gewonnenen Einsichten). Nachmittags und abends trifft sich der Schriftgelehrte mit ausgewählten Nachbarn zum Round-Table-Talk mit Bierchen und Tierchen. Nun verbreitet er in populärer Form, was er des Morgens bei Bild dechiffriert hat. In dieser Nachbarschaft sind immer alle auf der Höhe der Situation. Den sonst so geläufigen politikmüden oder unpolitischen Bürger findet man bei uns nicht. Never. Es gibt ja viele evaluierte Ostwissenschaftler, die nach der Wende in den Sog eines Bedeutungsverlustes gerieten, weil sie für ihre Ausführungen einfach kein geneigtes Ohr mehr fanden. Hier haben wir nun ein positives Beispiel dafür, wie man sich eine neue Zuhörerschaft und damit auch eine neue Bedeutung verschaffen kann.

Häuser gehen und kommen. Werden abgerissen und neu aufgebaut. Größer, moderner, technischer. Auch die Leute, die dort einziehen, sind größer, moderner, technischer. Der Mann geht zum Rauchen vor’s Haus, die Frau zum Telefonieren. Kann das gut gehen? Jetzt haben sie einen Hund angeschafft. Der Hund springt freudig erregt an dem Kind hoch, wenn der Mann es vom Kindergarten abgeholt hat. Die Familie scheint nach den Ausweglosigkeiten der Bauphase wieder zueinander zu finden. Der Hund spielt dabei keine unwesentliche Rolle.

Manche Männer wirken auf ihren Fahrrädern wie Untote. So unbeweglich und mit einem so abgewandten Gesicht. Kaum, dass sie in die Pedale treten. Nicht sie fahren Fahrrad, das Fahrrad fährt sie. Die Unebenheiten der Straße nehmen sie regungslos hin. Ein Ziel oder einen Willen besitzen sie nicht. Sie befinden sich in einer Art Vorhimmel.

Hin und wieder ereignen sich kleine Epidemien. Im vorletzten Jahr wurden viele Dächer neu eingedeckt, im letzten einige Bäume gefällt, Nadelbäume natürlich. Aus einer hohen Kiefer entstand, zwei Meter hoch, die Skulptur eines Greifvogels, ausgeführt von einem Kettensägenkünstler. Dass es eine international weit verzweigte Gemeinschaft von Kettensägenkünstlern gibt (Skandinavien soll führend sein), die sich auch zu Wettbewerben treffen, war mir bis dahin unbekannt. Die Skulptur des Greifvogels ist nun neben der Trabrennbahn die Hauptattraktion unseres Wohngebiets. Leute bleiben stehen mit offenem Mund. Das Volk liebt die Kunst, hiermit ist es bewiesen. Ich höre nur positive Urteile, sagt der Eigentümer zufrieden, auch wenn es nervt, ständig Rede und Antwort stehen zu müssen. Er muss nun nicht alles vier, sondern zwanzig Mal sagen. Was macht das schon. Irgendwann werden sich doch alle an den kettensägengeborenen Vogel gewöhnt haben.

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