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Sarahs Tagebuch

Düstere Tage zwischen Land und Wasser

Düstere Tage zwischen Land und Wasser

Wieder mal ein Tagebuch von Sarah Kirsch, „Märzveilchen”, DVA. Die Landbewohnerin, die sich nicht mehr vorstellen kann, in der Stadt zu wohnen. Viel umgebende Natur. Das Haus, in dem sie wohnt, Maxe, der Sohn, die Katzen, die Nachtspeicheröfen. Verspielte Sprache, Veräppeln der Grammatik. Aversionen gegen Lebende, besonders, wenn sie aus dem Osten kommen. Filme gefallen der Dichterin oft (Eric Rohmer, Landschafts- und Naturfilme). Zivilisations- und Kulturbetriebsverdruss. Januar ist Jaguar, Februar Zebra, März Nerz. Montag ist Mohntach, Mittwoch Mistwoch, Donnerstag Donner. Kein Wort, keine Regel ist vor Sarah sicher. Kein Kollege. Sie teilt die Welt in Feinde (viele) und Freunde (einige). Die Feinde finden keine Gnade vor ihren Augen, die Freunde keinen Makel. Ungerecht ist das fast immer. Spaziergänge, Haus- und Gartenarbeit. Fatalität. Wie gut, dass alles kam, wie es kam, und ist, wie es ist (ganz meine Meinung übrigens). Gelesen und eine Nadel gestrickt, so gehen die Tage. „Zu dieser Jahreszeit und wenn die Bäume noch kahl sint, da fliegen die Krähen, die hier angestammt sind, wie Rochen ums Haus. Und die Weidenkätzchen sind fett. Wir sitzen in Watte, ringsherum soll Sonnenschein sein”, schreibt die Landfrau im März, Verzeihung, Nerz. Gelassenheit und Leidenschaft. 750 Seiten in schlechter Sprache, zu einem Buch, das „Bildverlust” heißt. Oder dies: „ Hab nun ach! Die Interpretazione zu meine Schwarze Bohnen von M.R.-Ranicki zugeschickt bekommen, alles ganz wacker aber nicht gut. Er ist dermaßen ein Realist dass ihm die höhere Witterung abgeht. Wo es bei mir heißt „Nachmittags setze ich den zermahlnen Kaffee/Rückwärts zusammen schöne/Schwarze Bohnen” da schreibt er. „was sie möchte, ist unmöglich, zermahlene Bohnen lassen sich nicht wieder zusammensetzen…” Das zeugt nicht von Kompetenz! Ich setze sie zusammen, und zwar rückwärts, basta! Ich kann mich nur wundern!” Die Dichterin selbst wird auch nicht geschont. „ Kamen Rezensionen zu Schwanenliebe. Je kleener die Zeitung, desto schärfer die Verrisse. Besonders die aus dem Osten… Herr Heise der Großkünstler aus Kiel hat mir ooch verrissen.” Stürmische Tage? „ Die Katzen dürfen den ganzen Tag in den Betten liegen.” Und wenn man draußen war in den großen Städten: „… also das ist nicht meine Welt. Literatur im Foyer gut überstanden, aber diess mach ich nicht wieder, basta.” Es ist eine Lust, diese desillusionierte Prosa zu lesen und zu sehen, wie die Einfälle blitzen.

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