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Der Western im Osten

Mitteldeutsche Landschaft. Spur der Steine – keine

Mitteldeutsche Landschaft. Spur der Steine – keine

Am Sonnabend legten wir „Spur der Steine” in den DVD-Player, man kann ja wohl am Sonnabend nicht TV sehen, ohne zu verzweifeln. „Spur der Steine” war jener Film, den die Stalinisten in der DDR in einer einzigartigen konzertierten  Krawallaktion aus den Kinos entfernten. Und „Spur der Steine” war zunächst mal jener Roman von Erik Neutsch gewesen, der konfliktbewusst und parteilich Probleme der sozialistischen Großbetriebe beschrieb und Schulstoff wurde. Die Quadratur des Kreises, die Neutsch gelungen war, konnte dem öffentlichkeitswirksameren Medium Film nicht gelingen. Du kannst die Geburtsschäden der sozialistischen Gesellschaft nicht wahrheitsgetreu und zugleich parteiverträglich erzählen. Dafür war die Partei zu zimperlich. Ich erinnere mich ziemlich genau. Wir saßen in Leipzig im Café „Korso” . Jemand kam aus dem Kino und berichtete, was da los gewesen war.  Der Film wurde niedergebrüllt, die Vorstellung abgebrochen. Am Anfang dachte unser Freund, den Leuten gingen die frommen Parteiversammlungen des Films auf die Nerven und staunte, was schon möglich war in der DDR, aber bald war die Sache klar. Die Partei hatte ihre lautesten Leute geschickt.

Die Partei als Dreh- und Angelpunkt des Lebens wird heute zum Problem des Films. Auch ein mutiger Regisseur wie Frank Beyer musste seine Kompromisse mit den Mächtigen machen und stärker an die Heiligkeit der Partei glauben, als er es wollte. Diese unscheinbaren Parteiarbeiter mit ihren schütteren Haaren, übermüdet, im Besitz endgültiger Wahrheiten, humorlos – eigentlich unbedeutende Leute, die immer im Vordergrund stehen müssen wie heute und immer noch der Ex-Bundespräsident Wulff, der ja in all seiner Unbeholfenheit nur für eine bestimmte, nicht eben sympathische Mentalität steht.

„Spur der Steine” brachte es für einen Moment auf die Leinwand, dass es in der allmächtigen Partei unfähige Bauleiter, karrieristische Funktionäre, anarchistische Abenteurer, gnadenlose Dogmatiker und lächerliche Polizisten gab. Das war damals viel, und deshalb musste der Film weg. Heute irritiert die Parteigläubigkeit. Heute zählt die Geschichte von einer großen Liebe, die scheitern muss, weil es Umstände gibt, in denen selbst der Tapferste es nicht vermag, zu seiner Liebe zu stehen. Heute zählen auch die Schauspieler, Manfred Krug und Eberhard Esche, die einen Western in Mitteldeutschland, denn das ist „Spur der Steine” auch, gut und glaubwürdig an den Zuschauer bringen. Eberhard Esche! So viele Filme hat er nicht gemacht. Er war der Mann des Deutschen Theaters, der Drachentöter, der Typ, der immer leicht aus der Rolle fiel, ausgefallene Körpersprache, auf eine besondere Art den sächsischen Dialekt kultivierend, ein schwieriger, ambivalenter, außergewöhnlicher Typ. Lange tot.

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