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Eine neue Liga ist wie ein neues Leben

An einem Sonntagvormittag in Prag

Des Fußballs wegen sind wir nach Böhmen gefahren, drei Spiele der Gambrinusliga wollen wir sehen, Sportfreund Pietsch hat mich überredet, mir gingen irgendwann die glaubwürdigen Ausreden aus. Dass wir auch das Pflaster böhmischer Städte traten, war eine sekundäre, aber nicht unbedeutende Erscheinung. Der Schlachtenbummler kennt Teile der Welt. Ich erinnere mich, wie sich Berliner Union-Fans zu DDR-Zeiten nach einem Abstieg damit anfreundeten, dass sie nunmehr nicht nach Dresden, Leipzig und Erfurt fahren würden, sondern nach Fürstenwalde, Schwedt und Brieske-Senftenberg. Ortschaften, die etwas Tröstliches haben können.

Nun sitzen wir an einem dunklen Prager Abend in der Straßenbahn und fahren nach Letna im Nordwesten der Stadt, wo der AC Sparta Prag spielt, heute gegen FK Mladá Boleslav (Jungbunzlau). Zur Geschichte von Sparta Prag gehört der historische, aber noch immer ungeklärte Brand der Haupttribüne am 10. April 1934 sowie die Eurostars Petr Cech, Pavel Nedved, Jan Koller und Tomas Rosicky, die alle irgendwann zu gut wurden, um sie in Prag halten zu können.

Gambrinusliga klingt zunächst kurios, aber es ist eben die solvente Gambrinusbrauerei, die die Liga sponsert. In Böhmen findet keiner was dabei. Die muntere alte Dame, die uns in ihrer Box die Tickets (220 Tschechenkronen = knappe 9 €) verkauft, sieht auch eher so aus, als würde sie für ihre Dienste nicht mit Tschechenkronen, sondern mit Gambrinusbier entlohnt. Sportfreund Pietsch legt Wert darauf, weit oben auf Höhe der Mittellinie sitzen. Mittellinie klappt (fast), weit oben nicht. Wir haben die sechste Reihe, Platz 2 und 3, können gleichsam die Grashalme eines vorzüglichen Rasens zählen. Mir ist das recht, während Pietsch, der Kopfmensch, Wert auf Überblick legt, um taktische Finessen und Spielsysteme zu ergründen; mir ist die Unmittelbarkeit lieber, die daheim in der Bundesliga längst verloren gegangen ist. Auf Platz 1 steht mein Plastikbecher mit einem halben Liter Gambrinusbier. Die Traversen ragen nicht sehr hoch, vielleicht 18 bis 20 Reihen, mir gefallen diese Dimensionen, man befindet sich nicht in einer Schlucht, aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt. Das Stadion hat 20 374 Sitzplätze. Heutige Zuschauerzahl 7307. Da ballt sich nichts zusammen, Leidenschaft ja, Fanatismus nein. Der Freund der Gambrinusliga mokiert sich über die Heizstrahler, die uns von der Bedachung der Tribüne aus erwärmen. Fußball ist kein Zuckerschlecken, auch für den Fan nicht, er will nicht in Watte gepackt werden.

Vor dem Anstoß sind noch die Fahnenschwenker in Aktion, sie repräsentieren mit ihren riesigen Kunststofffahnen wohl die Fanclubs. Herr Pietsch verspottet eine junge Schöne, die zwar einen geilen Hintern hat, aber die Fahre nicht rhythmisch nach der Musik zu bewegen vermag, außerdem laufend auf den Stoffrand tritt und ins Taumeln gerät.

Sparta Prag ist souveräner Spitzenreiter (30 Punkte), Mlada Boleslav (19 Punkte) gehört ins breite Mittelfeld der Liga, verteidigt aber auf Gegners Platz sehr gut. Da steht der lange Adriani Rolko mit dem legendären Zopf in der Innenverteidigung und neben ihm der kahlköpfige Petr Johana, der den gewaltigen Schwarzen Leonard Kweuke, einen alten Bekannten aus Cottbus, der trotz seiner Masse die geschmeidigen Bewegungen eines Panters hat, bekämpft. Geschickt befreit sich Jungbunzlau aus der Defensive, die langen Pässe auf die Außen kommen fast immer an, und dann wird es gefährlich vorm Tor des Tabellenführers, der seinerseits meistens über links, den Hoffnungsträger Ladislav Krejci, kommt, der im Programmheft auf acht Hochglanzseiten abgefeiert wird. Krejci wird mit seinen Schüssen sogar von der Außenlinie aus gefährlich. In der 43. Minute schlägt auf der anderen Seite Marek Kulic, der Routinier der Jungbunzlauer, zu. Gute Schussposition, abgefälschter Ball, 0:1. Der Außenseiter führt gegen den Spitzenreiter.

In der Halbzeit werden Slalomspiele und ein Match der Prager Kindermannschaften geboten, es sind kurzbeinige  Acht- bis Zehnjährige mit lustigen Pudelmützen und immer in Gefahr, über den Ball zu stolpern, die nach dem Spiel zu großer Form auflaufen, als sie sich mit routinierten Posen den Beifall der Zuschauer abholen. Ich bin in der neuen Welt der anderen Liga angekommen und resümiere, dass die Verhältnisse in der Gambrinusliga bürgerlicher sind, überschaubarer als bei uns in Deutschland, es ermangelt der Rohheit, des Drucks des großen Geldes, des Überlebenskampfes auf hohem Niveau. Pietsch schätzt, dass die Spieler hier drei- bis viertausend Euro im Monat verdienen. In Böhmen wurde der Profifußball um 1925 eingeführt, in Deutschland offiziell 40 Jahre später. Was sagt uns das? In Böhmen ist Profifußball ein alter Hut, ohne die Extremausschläge nach oben.

Kann Sparta das Spiel drehen?  Nach der Pause gestalten sich die Angriffe ungeordnet, wütend, an Kweukes Körpersprache ist zu sehen, dass er längst die Lust verloren hat, mit der Vergeblichkeit des Seins kann er sich nicht anfreunden. In der 61. Minute macht Chramosta das 2:0 für den Gast, und Kulic, der Spielführer, wohl schon 37 Jahr alt und leicvht übergewichtig, vollendet den schönsten, von ihm selbst eingeleiteten Spielzug nach Doppelpass zum 3:0. Die Messen sind gelesen, die Fans verlassen das Stadion. Der Rasen wirkt noch genauso makellos wie vor dem Spiel.

Sportfreund Pietsch muss noch den Sparta-Fanshop aufsuchen, der vor dem Spiel wegen Überfüllung des Öfteren zugesperrt wurde. Hier nun versorgen sich die unterlegenen Fans unverdrossen mit Devotionalien, und auch Pietsch kauft ein Blatt mit Aufklebern, die ihm aus unerfindlichen Gründen etwas bedeuten.

Jiri Stajner greift nicht ein – wozu auch

Tags darauf. Wir können zu Fuß zum Fußball gehen. Das Stadion in der Mitte der Stadt. Die Sportzeitung, der Hauptbahnhof, die Gepäckautomaten. In der Tschechoslowakei ruft der Honigmann: Met. Eine gewisse Albernheit hat uns ergriffen. FK Viktoria Zizkov gegen FC Slovan Liberec. Zizkov ist, Zitat, ein tristes Prager Arbeiterviertel, hier ist der Dichter Jaroslav Seifert geboren und wohnhaft gewesen, der erste Tscheche, der den Literaturnobelpreis erhielt („Ein kantiges Leidensbild ist die Stadt…”)

Zizkov ist Tabellenvierzehnter (von 16 Teams), Liberec Vierter. Wenn auch sonst alles ziemlich nach Prekariat aussieht bei Zizkov, für das leibliche Wohl ist gesorgt. Bier, die rote Kolbassa, Wurstsuppe, Schaschlik. Das Spiel beginnt 10.15 Uhr. Bei Liberec taucht mit Jiri Stajner überraschend ein alter Bekannter (Hannover 96) auf. Ich staune, dass er eigentlich schlanker und fitter aussieht als in seinen Bundesligazeiten, zu unnötigen Kraftanstrengungen neigt er jedoch nicht. Die Liberecer Fans stehen auf der Gegentribüne, eine beträchtliche, auch beträchtlich leidenschaftliche Gruppe, während der Zizkov-Fanclub ein kleines Häufchen hinter dem eigenen Tor darstellt, aber das Team nach einer anspruchsvollen Choreographie anzufeuern versteht. Bei Liberec steht ein Emil Rilke im  erweiterten Aufgebot, wird aber leider nicht eingesetzt. Dafür haben sie einen Goalgetter in Michal Breznanik. Der schlägt zweimal zu, daneben noch Michael Rabusic und Jiri Stajner durch Elfmeter. Zizkov schafft nur den Anschlusstreffer zu Beginn der zweiten Halbzeit durch Jiri Böhm. Da stehen wir noch auf der Gegenseite, wo wir uns Bier und Kolbassa besorgt haben, die rote, fette, knusprige Wurst, wir stehen unmittelbar neben der Außenlinie. Vor unseren Augen laufen sich die Auswechselspieler warm, vielleicht ist Emil Rilke unter ihnen, wenn auch keiner wie ein Dichter aussieht.

Rilkes Höhenflug?

Die Fans der zurückliegenden Zizkov-Mannschaft, die übrigens in früheren Jahren in Korruptions- und Bestechungsaffären verwickelt war, haben inzwischen einige Male ihrem

Zorn oder ihren verzweifelten Hoffnungen Luft gemacht. Den Glanzpunkt dieser Entäußerungen leistet ein voluminöser Mann mit wallendem weißen Haar und Trenchcoathänger. Er erhebt sich dramatisch von seinem Sitz und ruft mit gewaltiger Stimme eine Parole ins Spielgeschehen hinein, wobei er die Arme und damit den Mantel wie ein Schutzschild  ausbreitet, als wolle er das Team segnen oder selbst über das Stadion hinweg auffliegen  in die Himmel der Unabsteigbaren. Ein Außeridrischer? Ein Verrückter? Am Ende sitzt er auf den Holzbänken neben den Kiosken, trinkt engagiert sein Gambrinusbier und blickte halb ironisch, halb melancholisch, auf jeden Fall versöhnt auf die Niederlage zurück, vielleicht ein Prager Künstler mit breitem böhmischen Gesicht, der im Zizkov-Stadion das Leben authentischer antrifft als irgendwo.

Im Zug nach Gablonz kommen wir auf Pietschs Leidenschaft für die Gambrinusliga zu sprechen. Sie nahm ihren Anfang an dem Tag, als ihm bewusst wurde, dass Empor Klein Wanzleben den Stürmer Pietsch nicht mehr brauche. Was sollte er nun mit seinen Wochenenden anfangen. Da gab es einerseits die allerdings aufwendigen Schlachtenbummeleien nach London oder Barcelona. Da waren andererseits die böhmischen Wurzeln seiner Familie, sein Vater, dem ein glückliches Leben in Sachsen-Anhalt ohne Bauernhof nicht möglich war. So hatte die Liebe zur Gambrinusliga eine Basis, wenn es auch Leute, vor allem Frauen, gab, die diese Liebe nicht verstanden.

Es ist doch aber etwas Besonderes, sage ich.

Ach. Die Verkauzungsgefahr ist doch sehr groß, antwortet er.

So kommen wir nach Jablonec, die Glas- und Schmuckstadt in den Bergen, beziehen unsere Räume im Hotel Sport und werfen einen Blick auf das Fußballstadion, direkt unterhalb des Hotels, ein klarer moderner Bau. Das Fernsehen richtet seine Technik ein.

Für den FK Jablonec bietet der Spieltag die Chance, auf den zweiten Tabellenplatz vorzurücken und den Abstand zu Sparta zu verkürzen. Das Hotel Sport ist offensichtlich der Sammelpunkt der Fußballer, die vermutlich überwiegend nicht in Jablonec wohnen. Sie fahren mit BMW oder anderen großen Wagen älteren Baujahre vor, beziehen Zimmer, um vor dem Spiel zu ruhen. Petr Pavlik, der Mannschaftskapitän von FK Baumit Jablonec, hat das Zimmer gegenüber dem meinen. Sportfreund Pietsch, der schon das eine oder andere deutsche oder englische Wort mit ihm gewechselt hat, fragt nach, ob man Teplice heute schlagen werde. Pavlik geht wohl davon aus, vermeidet es als erfahrener Sportler jedoch, den Mund allzu voll zu nehmen.

Wir ziehen uns warm an. Sportfreund Pietsch verabschiedet sich von Frau Munzikova („Munzi”) am Empfang wie ein Krieger, der in die Schlacht zieht. Wir haben es nur ein paar Schritte durch den Wald den Berg hinab, dann sind wir am Seiteneingang, das Ticket kostet 100 Tschechenkronen, das sind 4 €. Sportfreund Pietsch inspiziert zunächst den Fanshop, kauft wider Erwarten nichts. Dann wenden wir uns dem Imbissbereich in der Stadionumbauung zu, versorgen uns mit Gambrinusbier und Kolbassa. Alles ohne Gedränge, ohne Hektik, sehr sauber. Nummerierte Plätze in Reihe 18 (kommt mir aber gar nicht so weit oben vor). Die Reihen der Chance Arena sind spärlich besetzt (3130 Zuschauer), es ist ein Montag, und dann müssen wir noch feststellen, dass Jablonec’ Goalgetter, David Lavata, verletzt fehlt. Dafür ist der neue Hoffnungsträger, der junge Jan Kopic, auf der rechten Außenbahn dabei, der die Hoffnungen zurecht trägt, wie ich finde, er ist schnell, technisch versiert, einfallsreich, es fehlt nur an Mitspielern, die auf seine Ideen einzugehen vermögen. Auch hier ist der Rasen äußerst gepflegt, hinter dem, vor uns rechts erregt sich ein älterer Fan immer wieder, und in der 73. Minute kommt dann das, was kommen musste, Vlastimil Stozicky, schließt einen Konter der Teplicer locker ab. Danach packt Jablonec die Brechstange aus, nützt aber nichts mehr, sie konnten sich sowieso kaum klare Chancen herausspielen.

Für mich, der ich aus einer Zeit komme, da Fußballspiele ausschließlich bei Tageslicht stattfanden, haben Flutlichtspiele noch immer und für ewig etwas Ungewöhnliches, Unwirkliches, Märchenhaftes.

Sportfreund Pietsch ist untröstlich. Jablonec hätte die Meisterschaft wieder etwas offener gestalten können. Warum nur diese sang- und klanglose Niederlage! Wir setzen uns ins Foyer unseres Hotels. Kaufen bei Munzi ne Buddel Trostbier, schauen noch in den Keller, wo junge Russen auf bemerkenswert aggressive Weise und nur mit der Vorhand Tischtennis kloppen. Könnte sein, dass ich gegen sie alt aussähe. Vielleicht aber auch nicht.

Spät am Abend erscheint Petr Pavlik, schwer hinkend, eine entschuldigende Geste in Richtung Pietsch machend, er wirkt charmant und viel filigraner als auf dem Platz, wo er bei aller Zuverlässigkeit eine gewisse Steifheit in den Hüften nicht überspielen konnte und sich nach einer Aktion, bei der er sich auch noch selbst verletzte, eine gelbe Karte abholte.

Das war die Gambrinusliga. Drei Heimniederlagen in drei Spielen. Ein dichter grüner Rasen, wie man ihn sich nur wünschen kann, selbst bei eher mittellosen Vereinen wie Zizkov Prag. Sportfreund Pietsch führt das darauf zurück, dass die Zweikämpfe hier nicht so hart ausgefochten werden wie in den großen europäischen Ligen. Eine Ansicht, die ich nicht teile. Liebe zum Fußball, aber keine Hysterie. Es ist ja die Masse, die aggressiv macht, niederträchtig und gemein. Und diese Masse bringt die Gambriunsliga einfach nicht auf die Beine. So erfreulich und so bedauerlich das auch sei.

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