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Gewissenhaft rühren, erhaben verfilmen

Adjektive und Adverbien sind es, die öfter mal die Fähigkeit haben, dem Leser in einem Satz aufzufallen. Zum Beispiel in einem Rezept über die wahre Tomatensauce.  Zwiebeln, Knoblauch, Oregano, Peperonici, Lorbeerblätter und geschälte Eiertomaten köcheln lassen, und dann kam’s: gewissenhaft rühren. Da war ich von den Socken. Kochen hat vielleicht noch etwas mit meinem Gewissen zu tun, aber das Rühren beim Kochen? Mit meinem Gewissen? Ich war schwer beeindruckt und bemühte mich beim Kochen dieser Tomatensauce immer wieder um Gewissenhaftigkeit beim Rühren, auch wenn ich mir dabei etwas lächerlich vorkam (aber das ist ja oft so). Ich hatte, so lange Jahre nach der Schule, bereits vergessen, dass Adjektiv Eigenschaftswort heißt. Aber eines, das ich nicht in der Schule lernte, weiß  ich dafür: Das überraschende Adjektiv kann den Leser aus seinem Halbschlaf aufwecken, und der Autor freut sich, dass es ihm eingefallen ist. Das überraschende Adjektiv verrät den Profi oder das Naturtalent. Die Rezension über Tomas Alfredsons Film „Dame, König, As, Spion” in der FAZ las ich hauptsächlich wegen des unerwarteten Adjektivs in der Unterzeile der Besprechung von Verena Lueken: „Erhabene Verfilmung von John le Carrés Agententhriller.”. Erhabene Verfilmung, nicht schlecht, Herr Specht. Dieses Attribut wird im Text nicht zu hundert Prozent aufgelöst, aber das muss auch gar nicht sein. Im Gegenteil. Man liest und fragt sich: Ist das unerwartete Attribut gerechtfertigt, oder wollte da nur jemand originell sein. Ich finde, es ist okay so, der Text hält, was die Unterzeile verspricht. Ich glaube, es war der einzigartige russische Dichter Issak Babel, der einmal schrieb: Das muss schon ein großer Meister sein, der es vermag, zwei oder noch mehr Adjektive vor ein Hauptwort zu setzen. Er meinte, dass man die Wirkung des Eigenschaftswortes nur einschränkt, wenn man es inflationiert. In Abwandlung Schillers könnte man sagen: Das Eigenschaftswort ist am mächtigsten allein. Ich schaute in die „Grammatik der deutschen Sprache” von Walter Jung, VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1980, ein Buch übrigens, das Franz Fühmann seinerzeit jungen Lesern ans Herz gelegt hat. Da fand ich auf dem didaktischen Unterboden folgenden, beinah witzigen Satz zum Adjektiv: Ein starker Raucher ist nicht ein rauchender starker Mann, sondern ein Mann, der stark (Adverbialbestimmung) raucht; ein guter Redner braucht kein guter Mensch zu sein, sondern ist ein Mensch, der gut (Adverbialbestimmung) redet. Man kann weitere Sätze konstruieren: Ein guter Bundespräsident muss kein großer Vorteilsnehmer, aber ein guter Redner sein.

Kategorien:Deutsche Grammatik
  1. chezche
    Februar 4, 2012 um 2:54 pm

    Ein erhabener Bundespräsident muss kein starker Redner sein, aber ein großer Vorteilsnehmer.

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